Steven Uhlys Roman „Adams Fuge“

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Steven Uhly ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Bei der Lektüre von Steven Uhlys zweitem Roman „Adams Fuge“ sollte man sich gut festhalten. Das Tempo raubt einem den Atem: Nur vier Seiten braucht der Autor, um seinen Helden in eine türkische Militärmission zu schicken, das Massaker von kurdischen Terroristen an seinen Kameraden überleben, einen ihrer Führer töten und dafür mit einem Orden und einem Mordauftrag nach Deutschland reisen zu lassen. Und das ist erst der Anfang dieser Höllenfahrt durch alle Milieus und Vorurteile.

Uhly beweist in seinem Roman geradezu hellseherische Qualitäten. Sein Held Adem jagt einen deutschen Neonazi, der sich als V-Mann des Bundesnachrichtendienstes entpuppt, „viel rechtsradikaler als die wahren Rechtsradikalen“, eine „echte Inspiration für die Szene“. Spätestens da horcht der von den Verbrechen der rechten Terrortruppe NSU aufgeschreckte Leser auf. Der Autor, 1964 in Köln geboren, deutsch-bengalischer Abstammung, ignoriert alle Regeln der Political Correctness. Hier bekommen alle ihr Teil ab: Kurden, Türken, Gutmenschen, Neonazis, Juden.

In seinem Roman schert Uhly sich nicht um psychologische Feinzeichnung. Bei dieser wilden Tour geht es zu wie im Actioncomic oder im B-Movie. Der Held hat einen türkischen Vater und eine deutsche Mutter, wird in Mannheim geboren. Der Vater, typisch türkischer Macho, schlägt die Mutter, weshalb sie wegläuft und die Restfamilie in die Türkei auswandert, wo der Vater Imam wird („Schreien konnte er immer schon gut“, kommentiert der Sohn). Wer hier vorschnell über ausländerfeindliche Klischees feixt, freut sich zu früh: Als der Sohn zur neuen Familie seiner Mutter mit dem neuen Partner kommt, stellt sich heraus, dass der nette Rainer sie ebenfalls verprügelt.

Adem Öztürk spaltet sich bei der Trennung seiner Eltern in zwei Identitäten, heißt zugleich Adam Imp. Die Frage, wer er eigentlich ist, bildet das zentrale Motiv des Buchs. Adem/Adam tötet, mal absichtlich, mal versehentlich, eine ganze Reihe von Menschen. Und die Toten kehren zu ihm zurück, die nur er sieht, und die dann ihre Rollen mit ihm tauschen. Auf einmal steckt der Ich-Erzähler im körperlosen Geister-Ich, und sein Alter Ego nimmt Züge des kurdischen Doppelagenten und des BND-Neonazis an. Adam wird als eine Art Zombie geschildert, der mit einem Turban das Einschussloch auf der Stirn verstecken muss.

In seiner knappen Diktion erzählt Uhly einen Verschwörungsthriller als Slapstick-Komödie mit deftigen Sex-Einlagen und skurrilen Kämpfen, bei denen schon mal ein Gegner den Finger in Adams Schädel steckt. Einerseits zieht der Held eine Blutspur durch Deutschland. Und ein alter Türke kommentiert die Schlagzeile „Deutschland sucht irren Sex-Killer“ mit der feinen Bemerkung: „Solche Sachen machen doch nur Deutsche.“ Andererseits aber verliert der Tod seinen Ernst, wenn er doch nur eine Zustandsänderung bedeutet. In einer Kampfpause zitiert der Agent des israelischen Auslandsgeheimdiensts Mossad dann schon mal eine pazifistische Sentenz des Korans: „Wer einen Menschen tötet, der tötet die ganze Welt.“ Oder er spricht Verse von Rilke.

Schon im Titel spielt Uhly auf der „Todesfuge“ von Paul Celan an. Eine Mossad-Agentin trägt den Tarnnamen „Margarete Sulamith“ und vereint damit die Opfer- und die Täterfigur des berühmten Gedichts. Man mag diese Verwendung frivol finden angesichts der Aufgekratztheit in Uhlys Buch. Aber die überdrehende Handlung passt dazu, dass der Autor das Morden als anstrengende Arbeit schildert. Spaß hat Adam kaum daran. Der Begriff der Fuge benennt auch die fortschreitende Ich-Spaltung des Helden. Selbst als musikalisches Motiv passt er, eine Fuge variiert ein Thema in immer neuen Gestalten.

Der Roman stellt Vorurteile auf wie Fallen. Der Leser fühlt sich bestätigt, um im nächsten Moment zu spüren, dass das Gegenteil auch gemeint ist. Der Autor sagt: „Das Buch ist wie eine Sonde, die man in die Gesellschaft reinhält.“ Ungewöhnlich genug ist die Kombination aus analytischer Kühle und ästhetischer Wucht. Ein neuer Ton in der deutschen Gegenwartsliteratur.

Der Roman wurde jüngst mit dem Tukan-Preis der Stadt München (6000 Euro) ausgezeichnet. Steven Uhly: Adams Fuge. Secession Verlag, Zürich. 228 S., 21,95 Euro

Quelle: wa.de

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