Ein schillernder Schlawiner

Steven Scharf begeistert in Johan Simons’ Inszenierung „Mysterien“

Steven Scharf und Anne Rietmeijer in „Mysterien“ in Bochum. Foto: Marcel Urlaub
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Die zwei passen nicht zusammen: Steven Scharf und Anne Rietmeijer in „Mysterien“ in Bochum. Foto: Marcel Urlaub

Bochum – Der Mann im gelben Anzug lässt sich einfach nicht festlegen. Mal rettet er den Dorftrottel Minute vor der Demütigung durch den „Bevollmächtigten“. Dann wieder bedrängt er die Pfarrerstochter Dagny, die doch verlobt ist. Sie weist ihn ab. Da beteuert er ihr noch einmal seine Liebe. Und beschimpft sie kurz darauf als Flittchen. Er streitet sich mit dem fanatisch materialistischen Doktor über Wahrheit und verteidigt die schönen Lügen der Religion. Er schwatzt der alten Frau Martha für ihren kaputten Stuhl 500 Kronen auf. Mal wirft er uns um mit seinem Charme. Dann zeigt er sich als egomanischer Schlawiner.

Steven Scharf verkörpert den charismatischen Nagel in der Inszenierung „Mysterien“ nach Knut Hamsuns Roman im Schauspielhaus Bochum. Es ist eine hinreißende Performance. Scharf stellt uns eine irritierend ungreifbare Figur vor Augen. Das materialisierte Paradox. Eine philosophische Überlegung klingt bei ihm wie ein Wutausbruch. Er lädt sachliche Darlegungen emotional auf. In romantischen Szenen mit der Pfarrerstochter hingegen gibt er den kühlen Rationalisten, der jede verwirrende Äußerung kommentiert, als erläutere ein Schachspieler seine Taktik. Alle paar Minuten geht er unvermittelt an den Bühnenrand und desinfiziert sich die Hände. Er tritt schon mal aus der Rolle. Dann zeigt er die leere Espressotasse vor, aus der er eben noch schlürfte, und kommentiert: Das ist hier nur eine Theatertasse. Schon der gelbe Dandy-Anzug ist albern. Aber Scharf setzt noch eins drauf und wechselt in eine Badehose, eine Trainingshose, alles kanarienfarben, und er trägt das mit Würde. Man findet diesen Mann widerlich. Und verliebt sich zugleich in ihn.

Intendant Johan Simons hat den 1892 erschienenen Roman des norwegischen Literaturnobelpreisträgers auf die Bühne gebracht. Kein Text, den man erwartet hätte, schon weil der Mensch Hamsun verdächtig wurde, als er für die Nationalsozialisten eintrat. Doch „Mysterien“ spricht den heutigen Zuschauer erstaunlich an, weil der Text sich jeder linearen Ausdeutung entzieht.

Man findet Momente, die aktuell erscheinen. Zum Beispiel blafft der Doktor den Fremdling Nagel an: „Sind Sie ein Anhänger der Rechten?“ Und dann fragt er noch: „Was halten Sie von den Wahlen?“ Aber das ist zufällig. Und es wird auch nicht vom 26. September überholt. Nagel verstört die Bürgerschaft der kleinen Stadt, weil er sich jeder Normalität entzieht. Er zeigt ein Fläschchen Blausäure herum, das ihm den schnellen Austritt aus der Alltagslangeweile ermöglicht. Er hat kein Problem damit, Impulsen zu folgen. Und sei es, dass er Dagnys Hund vergiftet (der als übergroßes Aufblastier noch einen Auftritt hat). Den Selbstmord inszeniert er mit einer großartigen Aufschiebeszene im gläsernen Sarg. Immer wieder rückt er sich zurecht, er zieht die Schuhe, die Socken aus, probiert noch eine Position, aber das Fläschchen leert er immer noch nicht. Und als er dann endlich, endlich den finalen Schluck tut, da hebt er an zu jammern, dass er doch nicht sterben will.

Simons inszeniert das als große, schwarz grundierte Komödie, mit einigen Anflügen von Peer Gynt und Faust und Godot. Die Ausstatterin Anja Rabes lässt die Hebebühne auf und ab fahren, konstruiert ein raffiniertes Raumprogramm, so dass zum Beispiel Figuren durch eine Klappe eine Etage tiefer springen können und in einem Bett weich landen. Die eher dunkle Szenerie wird erhellt durch kleine Wunder. So umgeben Musiker der Bochumer Symphoniker, die als Clowns verkleidet sind und eine mal spätromantisch schwelgende, mal karge Komposition von Carl Oesterhelt vortragen, als Videoprojektion das Publikum. Eine surreale Himmelsmusik.

Um den famosen Helden gruppiert Simons einige absurde Typen, die präzise die Reibung schaffen für die immer neuen Schwünge Nagels. Guy Clemens als Außenseiter Minute ist kaum weniger extrem als der Held. Anfangs ein verkrümmter Underdog, gebadet in Unterwürfigkeit, emanzipiert er sich zum eigenwilligen Denker. Als er den Selbstmordplan durchkreuzt hat und Nagel ihn befragt, da beginnt er ein Tänzchen, das ihn in immer weiteren Runden über die Bühne führt. Und ohne ein einziges Wort ist es ein beredtes, vollständiges Geständnis. Anne Rietmeijers Dagny ist eine ebenfalls schillernde Figur, in einem Gefühlsausbruch peitscht sie mit ihrem langen Zopf den Bühnenboden. Aber sie verteidigt stur den Status quo, lässt sich nicht verführen, äußert ihre Verachtung über den „großen Mann“. Jing Xiang gibt den Doktor, den Vertreter des Materialismus, geradezu als Menschmaschine, so abgehackt und mechanisch spricht sie die Diagnosen über die Zeit und den mysteriösen Todesfall eines Städters, der unaufgeklärt bleiben wird. Karin Moog lässt die weißhaarige Martha unvermittelt zur Aussteigerin werden, die vom glücklichen Landleben mit selbst gezogenem Gemüse schwärmt. Was Nagel prompt abschreckt. William Cooper zeigt sich als fein fies tyrannischer Bevollmächtigter.

So verbindet der Abend Undurchsichtigkeit und Unberechenbarkeit mit abgründigem Witz und unaufdringlichem existenziellen Pathos. Man sollte diese eigenwillige Erfahrung nicht verpassen.

3., 23.10.

Tel. 0234/3333 5555, www. schauspielhausbochum.de

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