Steven Amsterdams Roman „Einfach gehen“

Der Autor Steven Amsterdam

Seine erste Sterbebegleitung vermasselt Evan. Er verschüttet das Nembutal, mit dem der krebskranke Teddy sich im Kreis der Familie das Leben nehmen will. Neues Gift muss geholt werden, der durch ein neues Gesetz, die „Maßnahme 961“, geregelte Ablauf wird hochpeinlich verzögert.

Steven Amsterdam behandelt in seinem Roman „Einfach gehen“ das schwierige, konfliktträchtige Thema Sterbehilfe in einem schnoddrigen, sarkastischen Ton. Über Teddy heißt es: „Der Krebs durchdrang ihn wie Abflussreiniger – zuerst die Krankheit, dann die Behandlung –, nun ist er nur noch Haut und Knochen.“ Allerdings lässt der Autor seinen Figuren ihre Würde, er stellt sie nicht bloß, und er hat auch einen Blick für die Situation der unheilbar Kranken, die das Leben nicht mehr ertragen und im Gift den letzten Ausweg sehen. Kein Wunder, Amsterdam, 1966 in New York geboren, in Melbourne lebend, schreibt nicht nur Romane, er arbeitet auch als Palliativpfleger. Er hat einen Blick für die Situationskomik im Angesicht des Todes, und das führt dazu, dass sein Roman durchaus ernsthaft davon handelt, wie man richtig stirbt. Aber es gibt eben auch jede Menge Slapstick-Momente, groteske Pointen, wie das verschüttete Gift. Oder die Leiche, die noch einen Furz ablässt, „lang und klangvoll“, was Leos Freundin Myrna kommentiert: „Ein Gentleman bis zur letzten Minute.“

Dabei hat der Erzähler Evan, 31, Krankenpfleger in einer nahen Zukunft, der an der fiktiven „Maßnahme 961“ in der Erprobungsphase teilnimmt, Probleme genug, auch abseits seiner Skrupel, ob die Sterbehilfe richtig ist. Er leidet daran, dass sein Vater sich mit dem VW-Bus zu Tode fuhr, was nie als Selbstmord dokumentiert wurde, weshalb die Versicherung zahlte. Aber die Tat hat ein Trauma bei Evan hinterlassen. Er sieht die Leiden seiner Klienten, schonungslos werden die aufbrechenden Geschwüre beschrieben, die körperlichen Gebrechen. Aber die starken Gefühle in diesen Abschiedssituationen setzen ihm zu. So zählt er zum Beispiel, wie oft die Angehörigen „Ich liebe dich“ sagen. Oft genug stößt er an Grenzen, an die, die ihm sein Gewissen setzt, und an die gesetzlichen. So verliert er zwischendurch seinen Job – und macht gleich weiter bei der Untergrund-Sterbehilfe-Organisation „Jaspers Weg“, deren Mitglieder sich alle Jasper nennen, damit man sie nicht identifiziert.

Er lebt in einer schwierigen Beziehung mit dem schwulen Paar Lon und Simon und weiß selbst nicht, wie nah er sich mit den beiden einlassen soll. Zumal er ihnen nicht verrät, was er beruflich wirklich treibt. Seine Mutter Viv ist an Parkinson erkrankt, vorübergehend fit durch ein Implantat, lebenslustig, eine unschlagbare Online-Poker-Spielerin. Aber am Ende schlägt die Krankheit doch zu, und Viv hat ihr Nembutal bereits bestellt. Und es liegt an Evan, ob sie sterben wird.

Der leichte Ton, den Amsterdam anschlägt, sollte nicht täuschen: In dem Roman „Einfach gehen“ werden gerade auch die moralischen Fragen bei aktiver Sterbehilfe verhandelt. Vielleicht überzeugt es den Leser nicht, wenn Myrna über Leos Tod sagt: „So sollte Sterben aussehen.“ Aber vielleicht zählt das vielfache, tränenschwere „Danke“ der Lebensgefährtin von Iris mehr. Der Autor macht es sich in der Sache eben nicht leicht. Gerade im Schluss, als Evan über das Ableben seiner Mutter entscheiden muss. Ein Roman über der letzten Fragen muss also nicht pathetisch und tragisch ausfallen, er verträgt auch heitere Momente und Situationskomik. Das mag es erträglicher machen. Wie Viv einmal feststellt: „Erst mit dem Tod wird das Leben richtig interessant.“

Steven Amsterdam: Einfach gehen. Deutsch von Marianne Bohn. Unionsverlag, Zürich. 344 S., 22 Euro

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