Steve Jobs‘ Vermächtnis: Deutsche Erstaufführung in Dortmund mit Andreas Beck

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Erzählt engagiert: der nachdenkliche Apple-Fan (Andreas Beck) in der Dortmunder Erstaufführung von Mike Daiseys „Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs“. ▪

Von Achim Lettmann ▪ DORTMUND–Mit einer Bechertasse in der Hand steuert der übergewichtige Computerfreak in seinem großkarierten Hemd ins Dortmunder Studio. Hier hat Antonella Mazza (Bühne) ein Reservat für Nerds möbliert.

Sessel und Stühle, Tischchen und Kommoden sind zu muffigen Sitzgruppen gestellt und schon vom Publikum besetzt. Irgendwo flackert ein Monitor, Bierkästen stehen herum, Kartons aus China. Warmes Licht verstrahlt eine Gemütlichkeit, die nach acht PC-Stunden genauso geschätzt wird wie eine Pizza Schinken, verspeist in der alten Polstergarnitur. Aber heute erzählt der Freak, dass nichts ist, wie es scheint. Sein Traum von der besseren Computerwelt ist vorbei. Er hebt zu einem Monolog an, den der US-Künstler Mike Daisey 2010 geschrieben hat und der nach dem Tod von Apple-Gründer Steve Jobs (1955- 2011) international interessant wurde: „Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs“.

In Dortmund ist die deutsche Erstaufführung zu sehen. Ein echter Pluspunkt fürs Haus, das über die Industriegeschichte Apples zum Thema Globalisierungsethik kommt. Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz sah in Daiseys Text ein Stück und übersetzte zusammen mit Jennifer Whigham. Andreas Beck spielt Daiseys Monolog wie einen Caveman aus der Cyberwelt. Er vermittelt uns die wahre Geschichte des Superhirns Steve Jobs, also die „dunkle Seite der Macht“. Das ist vor allem informativ, wenn Beck aus China erzählt, wo 430 000 Mitarbeiter für Foxconn elektronische Geräte montieren. Auch die Apple-Produkte wie i-phone und i-pad kommen aus der Sonderwirtschaftszone, wo nur das Unternehmen entscheidet: Fließbandarbeit, acht bis 16-Stunden-Schichten, keine Mitbestimmung – Selbstmorde oder der entfesselte Kapitalismus.

Autor Mike Daisey hatte in Foxconn recherchiert, weil ihm klar wurde, dass Menschen die i-pads zusammen bauen, keine Roboter. Und das zum Design eines Produkts auch die Umstände seiner Entstehung zählen. Diese ethische Dimension war dem „technolibertären Hippie“ und dem „visionären Arschloch“, wie Jobs hier genannt wird, egal. Beck spielt dann voller Wut („Fortschritt geht nur mit Opfern“) und voller Verzweiflung, wenn er erkennt, dass jeder Smartphone-Besitzer so ein Cyborg geworden ist, wie er nie sein wollte.

Regisseurin Jennifer Whigham lässt Beck wie einen Buddy, einen guten Kumpel, reden. Er stellt sich zum Publikum, wie ein Typ, der auf einer Party überzeugen, sich Gehör verschaffen will. Das ist unterhaltsam, eindringlich und berührt. Denn nach ironischen Beschreibungen vom ersten Computer, und wie er in die Familie kam, führt Beck enthusiastische Momente vor, als Steve Jobs sein Betriebssystem Mac OS X an Apple verkaufte und die Firma neu aufstellte. Hurra, so leuchten die Augen eines Bewunderers, bis er erkennt, dass Jobs die Welt in Genies und Idioten geteilt hat, also in Apple-Programmierer und User, die nur noch Apps herunterladen dürfen („Sie werden euch besitzen“). Andreas Beck wird dann still. Sein Akku ist leer. Das unmoralische Apple-Imperium hat ihn erschöpft. In Dortmund wird das Theater als moralische Anstalt genutzt, um gegen das profitabelste Unternehmen der Welt zu wettern. Das ist wichtig und hält einem den Spiegel vor.

14., 25. November, 7., 16. Dezember; Tel. 0231 / 5027 222

Quelle: wa.de

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