Stephan Kimmig inszeniert in Bochum Tschechows „Onkel Wanja“

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Nicht immer trittsicher: Szene aus „Onkel Wanja“ in Bochum mit Felix Rech (Astrow) und Therese Dörr (Elena).

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Mongolenlang flattern die beiden Zipfel von Astrows Bart herunter. Er sagt es ja auch: „Wie lang mein Schnurrbart gewachsen ist...“ Und Stephan Kimmig, viel gepriesener Hausregisseur des Deutschen Theaters Berlin, lässt seinem Schauspieler Felix Rech gut 20 cm ankleben. Und während in Anton Tschechows Text zu „Onkel Wanja“ die Selbstzweifel schweben, nutzt die Inszenierung am Schauspielhaus Bochum sie zu einer Pointe. Der dem Alkohol zugeneigte Arzt Astrow, der frustrierte Idealist und Menschenfreund, der ist hier das, was er sich vorwirft: ein Sonderling.

Mit prominenten Gästen beginnt die Revierbühne die Spielzeit, neben dem Starregisseur erscheinen auf der Bühne Peter Lohmeyer („Das Wunder von Bern“) und Werner Wölbern („Tatort“). Und mit einem Stück, das allemal das Zeug hat zu einer Zeitdiagnose auch heute noch. Aber irgendwie passt es dann doch nicht richtig zusammen. Das liegt zuerst am Regisseur, der sich bemüht, jede Mehrdeutigkeit zu tilgen, den Schwebezustand zwischen Melancholie und Humor zu meiden, der den russischen Dramatiker so auszeichnet.

„Onkel Wanja“ ist ein Stück der unglücklichen und unmöglichen Lieben. Da leben einige Großbürger auf einem Landgut, der Professor Serebrjakow (Lohmeyer) ist nach dem Tod seiner Frau mit der jungen, schönen Elena (Therese Dörr) verheiratet. Sie liebt ihn nicht, er bemerkt das nicht. Wanja (Wölbern) betet sie an, was unerwidert bleibt. Astrow verehrt sie ebenfalls, und sie empfindet auch etwas für ihn. Zusammen kommen sie aber nicht. Und auch Sonja (Minna Wündrich), Elenas Stieftochter, ist kein Glück mit dem Arzt vergönnt. So lebt man in einer Mischung aus Langeweile und Unglück, während das Gut verkommt.

Bei Tschechow sieht man dem Leiden zu – und darf immer wieder lächeln über die Absurditäten, in die sich die Figuren verstricken. Kimmig sucht die schnellen Lacher – auf Kosten des Personals. Und er zeigt zuviel. Das beginnt mit der Bühne (Oliver Helf): Da steht ein nüchternes Gestänge. Aha, das Leben, eine Baustelle. Dieses Gerüst beherrscht die Bühne, eine starke Setzung, gegen die die Darsteller auch noch arbeiten müssen. Sie sind ständig auf der Bühne, sitzen im Hintergrund auf Stühlen, wenn sie gerade nicht spielen. Dem Stück fügt das nichts hinzu.

Es tropft durch, in der Pfütze rutscht Elena aus. Wanja, der sie küssen wollte, fällt auf sie. Unterdessen müht sich Wanjas Mutter mit einem Liegestuhl, der später noch für Elena zu einem Boot werden soll. Das ist Slapstick auf schlichtem Niveau. An den Stangen fingert Astrow immer wieder herum. Und Elena nutzt sie für immer neue Posen irgendwo zwischen Tabledance und Model.

Sie müssen umherlaufen. Als der Professor seinen Plan erläutert, das Gut zu verkaufen, da zieht er zwei, drei andere als Kometenschweif hinter sich her, während er um die Stangen eilt. Ihnen ist unwohl in ihrer Haut. Darum kratzt sich Astrow am Arm, am Bauch, und Elena auch. Und die Nebenfigur Telegin, dieser von Pockennarben entstellte verarmte und nun von allen gepiesackte Ex-Gutsbesitzer (Torsten Flassig), dem wurden die Narben aufgeschminkt, und „Waffel“ scharwenzelt im Hintergrund herum und macht Musik an allerlei Instrumenten. Sie bewegen sich so viel, aber sie sind von nichts richtig bewegt. Und sie bewegen auch nicht. Alles schön nüchtern. Und witzig.

Wölbern gibt den Wanja als triebgesteuerten, cholerischen Grobian. Rechs Astrow hat noch am ehesten Ambivalenz, ihm sind nachdenkliche Momente erlaubt, wenn er von Russlands sterbenden Wäldern redet. Oder wenn er sich seine Neigung zu Elena eingesteht. Therese Dörr hingegen sieht als junge Ehefrau vor allem gut aus. Der kurze Moment, in dem sie und Astrow zum Paar werden, ist natürlich eine Verfolgungsjagd. Und als sie sich gegen den Idealisten entscheidet, da haut sie den Blumenstrauß, den Wanja ihr als Versöhnungsgabe überreicht hatte, auf einem Hocker kaputt. Und sie schreit dazu.

Muss das so eindimensional gespielt werden? Das Bochumer Ensemble könnte auch anders. Dem Publikum genügte es: Großer Beifall.

2., 5., 25.10., 7., 18.11.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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