„Steh deinen Mann“: Matthias Damberg spricht über Homosexualität und Fußball

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Premiere in Göttingen: Matthias Damberg spielt in einer Kabine des Jahn-Stadions den Dorffußballer: „Steh deinen Mann“. Unterstützt wird die Produktion vom Land Niedersachsen, vom DFB, der Stiftung Leben und Umwelt, der Lotto-Sport-Stiftung und vielen mehr. Infos unter www.boat-people-projekt.de

HAMM/DORTMUND -  Homosexualität und Fußball ist ein Thema, dass nach dem Coming Out von Thomas Hitzlsperger, einem Ex-Nationalspieler, debattiert wurde. Die Gruppe „Boat People Projekt“ hat für ihr Stück gefragt, wie das war im Fußballverein. Gab es schwule Kicker, die man nicht erkannt hat? Und woher kommt die Homophobie? Statistisch gesehen sind zehn Prozent aller Fußballer homosexuell. Matthias Damberg ist Hauptdarsteller in dem Stück „Steh deinen Mann“, das in den Umkleidekabinen des Göttinger Jahn-Stadions letzte Woche Premiere feierte. Auch der Integrationsbotschafter des Deutschen Fußball-Bundes, Jimmy Hartwig, war zu Gast. Am Freitag wird das Stück in Dortmund aufgeführt. Matthias Damberg sprach mit Achim Lettmann über das Stück und die Widerstände.

Wann haben Sie daran gedacht, dem Thema Homosexualität im Fußball mit Theaterarbeit zu begegnen?

Matthias Damberg: Das Thema wurde an mich herangetragen. Der Regisseur Reimar de la Chevallerie hatte vor zwei Jahren eine Aktion gegen Homophobie im Berliner Olympiastadion miterlebt. Bundeskanzlerin Angela Merkel war auch da und sagte: Sei wie du bist! Für Reimar klang das wie eine Worthülse. Und er wollte dem auf den Zahn fühlen. Als das Projekt an mich herangetragen wurde, dachte ich ,ah ja, spannend’. Für mich ist Theater immer sehr politisch. Ein heißes Eisen anzufassen, auf ein Tabu zu stoßen, da mal nachzubohren. Und der Spielort hat mich gereizt, direkt in der Kabine, wo die Empfänger sitzen. Und auch theaterferne Jugendliche mit dem Thema zu konfrontieren, das in den Vereinen so nicht angesprochen wird, das hat mich gereizt.

Haben Sie Fußball im Verein gespielt?

Damberg: Ich habe zwei Jahre im Verein gespielt. In der F-Jugend beim SC Westtünnen in Hamm. Ich bin dann aber zum Tischtennis gewechselt. Ich verfolge heute leidenschaftlich Fußball als Zuschauer.

Kennen Sie Homosexuelle?

Damberg: Ja, Kollegen oder Freunde.

War das auch ein Motiv für Ihr Spiel in dem Stück „Steh deinen Mann“.

Damberg: Nein, eigentlich nicht. Ich mache gern Themen, die Probleme aufgreifen von Leuten, die am Rande stehen, diskriminiert werden. Ich bin heterosexuell, auch in dem Stück. Wie der Regisseur Reimar de la Chevallerie, Christopher Weiß, der in Hamburg Theater macht und den Text geschrieben hat. Und Gerd Zinck, der im Video als ,König Fußball’ vorkommt, er ist erklärter Heterosexueller. Das ist Konzept. Wir wollen das Phänomen beschreiben, warum haben wir Angst vor Homosexualität? Und ich bin da ganz naiv am Anfang des Stücks. ,Bei mir im Verein Schwule, neee’. Dann stellen wir Fragen, und am Ende gibt es eine Aussicht auf eine Utopie: Eigentlich ist es doch egal fürs Fußballspiel, was für eine Sexualität Männer haben.

Wird in dem Stück herausgearbeitet, woher die Homophobie kommt?

Damberg: Ja, es gibt eine lustige, karikierende Figur von ,König Fußball’ im Stück. Der spricht mit mir und sagt, ,es gibt keine Schwulen im Fußball, Fußball ist Männersache, Schwule können überhaupt nicht Fußball spielen’. Er ist eine Extremausführung. Aber diese Haltung geht auf Recherche zurück. Lothar Matthäus hat gesagt, Schwule können nicht Fußball spielen. Jens Lehmann hat gesagt, Fußball ist Männersache. Wir haben diese Aussagen verwandt und zu einer Karikatur gemacht.

In der Vereinsszene sind Sie mit dem Stück nicht ganz willkommen. Ich glaube, es ist ein Problem, wenn man an einen intimen Ort des Fußballs geht, in die Kabine, in eine Tabuzone, die Spielern und Trainern vorbehalten ist.

Damberg: Also, es gibt Anfragen von Schulen. Schulen möchten das gerne sehen. Wir haben zehn Aufführungen in Göttingen. Aber wir wollen ja vor Fußballvereinen spielen. Und da hakt’s. Es hakt vor allem bei der älteren Generation. Zum Beispiel beim Präsidenten von Göttingen 05, der sagte, wir haben da keinen Kopf für, wir sind mit Abstieg beschäftigt. Klar, mit so einem Extrading will man sich nicht beschäftigen. Im Nachgang sagte er allerdings noch, ich erzähle meinem Sohn ja auch nicht, dass da Männer Hand in Hand gehen. Jimmy Hartwig war bei einer Aufführung in Göttingen. Er kam mit dem DFB-TV, wollte die Diskussionen moderieren und hat ein paar Jungs angesprochen, die dort trainierten. ,Kommt mal her, wir gehen jetzt ins Theater. Wir gehen in die Kabine und gucken Theater’. Das war großartig, plötzlich hatten wir da Jungs im Trainingsanzug sitzen. Ich dachte, ja, da sind sie vor denen wir spielen wollen. Und es hat super geklappt. Die waren sehr aufmerksam und haben sich amüsiert. Auch über „Schokostampfer“. Sie haben das Thema offenherzig aufgenommen und sich Fragen gefallen lassen. ,Is doch egal, ob jemand homosexuell ist’, kam da. Es gab eine Unbefangenheit, die man bei der älteren Generation gar nicht antrifft.

In Göttingen hat eine GmbH für Sport und Freizeit die Kabinentür im Jahn-Stadion geöffnet. Wer ermöglicht den Theaterabend in Dortmund?

Damberg: Das ist ,Ballspiel vereint’. Eine Initiative von verschiedenen Fangruppen in Dortmund. Das sind rund 50 Gruppen, die sich vor 10, 15 Jahren organisiert haben, als sich die Radikalen im Stadion breit gemacht haben. Sie wollen ihren Spaß am Fußball behalten. In Dortmund herrscht ja eine familäre Atmosphäre. Das haben wir auch in den Interviews gemerkt. Wir waren im Block 15, da kannten sich alle.

Wie hat das Premierenpublikum in Göttingen reagiert?

Damberg: Ich kann das nur aus meiner Perspektive sagen, das Publikum war begeistert. Das Zusammenspiel von Sprechtheaterszenen und Videoeinspielungen hat funktioniert. Es ist sehr sehr positiv aufgenommen worden. Wir waren ja anfangs auch unsicher. Macht das die Leute zu betroffen? – Am dritten Abend hat es sogar richtig Spaß gemacht. Es ist auch ein lustiges Stück. Für Jugendliche ab 12 Jahre. Das Stück ist auch nicht anzüglich. Ich mache mit der Figur eine Entwicklung durch und formuliere am Ende eine Utopie. Wir hoffen, dass es im Fußball, wie in der Politik und Kultur, auch normal werden wird. Dass man Fußball leben kann, mit der Leidenschaft, mit dem Torjubel, mit dem Wissen, dass es auch Schwule gibt.

Das Stück

„Steh deinen Mann“ zeigt den Fußballer Matthias, der sich an seine Kickerzeit erinnert und gleichzeitig fragt, woher die Angst vor Homosexualität in unserer Gesellschaft kommt. Interviews mit Fußballanhängern aus Göttingen, Dortmund und Berlin werden auf Videos gezeigt, „König Fußball“ wird als Schwulenfeind karikiert und Matthias beginnt zu verstehen...Freitag, 25. April,19.09 Uhr im Dortmunder KCR, dem Schwulen- und Lesbenzentrum, Braunschweiger Str. 22., www.ballspielvereint.org

Veranstalter: ballspiel.vereint

Quelle: wa.de

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