Stefan Moses ist der Chronist der Bundesrepublik

Kalter Krieg auch im Inland: „Konrad Adenauer und Willy Brandt auf dem Schlesiertreffen“ fotografierte Stefan Moses in Hannover, 1961, zu sehen im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Foto: Bechteler-moses/dhm

Berlin – Eiszeit im Politikbetrieb. Wie fern sich Konrad Adenauer (CDU), erster Kanzler der Bundesrepublik, und Willy Brandt (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin, 1961 waren, zeigt die Fotografie von Stefan Moses. Beide Politiker wenden sich bei einem Schlesiertreffen voneinander ab. Gleichzeitig ist es auch ein sehr alltäglicher Augenblick, der den Terminplan der Spitzenpolitiker bebildert.

Moses (1928 – 2018) zählte zu einer Fotografengeneration, die mit dem einen kompositorischen Schnappschuss eine ganze Welt einfangen wollte. Und Moses konnte das, er gehörte wie Robert Lebeck, Thomas Höpker und Max Scheier zu den Fotoreportern, die der deutschen Nachkriegsgesellschaft ein Gesicht gaben.

Moses erfüllte damit eine visuelle Erwartung. Seine Bilder vergegenwärtigten, wie die Menschen in der Bundesrepublik ein neues Selbstverständnis annehmen. Der Fotograf ermöglichte es dem Betrachter, sich im bildlichen Zeitdokument zu erkennen und ein Gespür für die eigene Zukunft zu entwickeln. Dabei war Moses nicht geschichtsvergessen. In Liegnitz (Niederschlesien) geboren musste er aufgrund seiner jüdischen Herkunft die Schule 1943 verlassen. Er überlebte ein NS-Arbeitslager und konnte nach dem Zweiten Weltkrieg in Breslau eine Fotografenausbildung machen. Im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin belegt die Ausstellung „Das exotische Land“, dass Moses dennoch immer wieder auf ein Thema stieß: auf das aktuelle Deutschland.

Die Menschen nach dem zweiten Weltkrieg zogen Stefan Moses an. Wie gestalteten sie ihr Leben, was beschäftigte sie, welchen Platz nahmen sie nach der NS-Diktatur in einer demokratischen Gesellschaft ein? Und während viele Fotografen die Kontinente entdeckten, wendete sich Moses dem „exotischen Land“, den deutschen Milieus zu. Aber nicht nur.

Als Theaterfotograf blieb er nicht lange in Weimar, sondern zog 1950 nach München, wo er erste Reportagen für die „Neue Zeitung“ schoss, eine Tageszeitung der amerikanischen Besatzungsbehörde. Mithilfe des Re-Educationprogramms sollte die Demokratie gestärkt werden. Fotografien aus Thüringen vermittelten denn auch 1948 eine Gegenwelt mit FDJ-Aufmarsch, Bauarbeiterinnen, Betriebsversammlung und „Wartburgstadt“. Das hieß dann „Querschnitt durch den ganzen Alltag der Ostzone“. Moses lieferte Bilder, aber die Redakteure der Illustrierten stellten die Bildfolgen zusammen und schrieben die Stories. Nach seinen Reportagen zu Künstlern, die in der Illustrierten „Das Schönste“ erschienen („Die Plastik“, „Wohnkultur“), lehnte Moses Ende der 50er Jahre weitere Aufträge des Helmut Kindler Verlags ab. Ihm gefiel die Fotoauswahl nicht mehr.

Die Ausstellung in Berlin hat sich vor allem auf frühe Bildserien verlegt, bietet aber auch Beispiele aus Moses’ bekannten Porträtserien und Bildessays. Insgesamt sind rund 200 Schwarzweißfotografien im Deutschen Historischen Museum zu sehen.

Es geht aus heutiger Sicht um Zeitgeschichte. Wie „Präsident Eisenhower im offenen Mercedes durch Bonn“ fuhr (1959). Das Foto nimmt den Betrachter mit, öffnet ihm das Ereignis und bietet die Prominenz des Politikers. Wichtig war das Moment der Teilhabe, weil Illustrierten und Zeitungen noch nicht mit dem Fernsehen konkurrierten. Fotoreporter klärten auf, stellten vor und entdeckten etwas Neues im vermeintlich Bekannten.

Seit 1960 arbeitete Moses für den „Stern“. Chefredakteur Henri Nannen hatte ihn geholt. Seine Serie zu Großbritannien („Unser Nachbar“, 1962) zelebriert eben das Besondere im Erwarteten: der Geschäftsmann mit Melone, die Lords auf der Fuchsjagd, Arbeiterhäuser und Dockarbeiter. Und wie der Nachbar auf der Insel entdeckt wurde, so ging Moses in Deutschland vor: das „exotische Land“, wo sich eine Familie hell gekleidet in Bocholt aufstellt, während eine zweite heranläuft und in dunkler Kleidung unweigerlich einen Gegensatz bildet.

So lassen sich viele Bilder von Stefan Moses betrachten. Sogar „Eine Zeugin Jehovas mit der Zeitschrift Wachturm“ (1962) trägt einen sehr enganliegenden Rock und Stöckelschuhe. Es veränderte sich etwas. Die Botschaft des Fotografen: Der Fortschritt erfasst irgendwann alle. Dieser Optimismus charakterisiert Moses auch als Menschen einer Zeit, die Veränderung als modern, wichtig und unabänderlich verstand.

Akteure waren die Menschen selbst. Moses griff auf den konzeptuellen Ansatz August Sanders zurück, der in den 1920er Jahren ein Fotoporträtwerk schuf: „Antlitz der Zeit – 60 Aufnahmen deutscher Menschen des 20. Jahrhunderts“. Heute ein Klassiker, und Moses schuf die Serie „Berufstypologie“. Vor einem monochromen Hintergrund stellte er Zeitgenossen vor: Hotelpagen, drei Rollmopspackerinnen (Büsum, 1962/64), sieben Gymnastiklehrerinnen in weißen Bodies, Gepäckträger, die Hauer der Zeche Amalie (Essen 1962/64, Abzug 1976/78) und andere. Etwas Selbstironie schwingt bei den Porträtierten mit. Die Deutschen wurden lockerer.

Am Herzen lagen Moses Landzeitprojekte wie die Serie „Emigranten“. Es gibt insgesamt 99 Aufnahmen. 1949 startete er mit Literaturnobelpreisträger Thomas Mann und Frau Katja in Weimar, die aus den USA zurückgekommen waren. Hier spiegelt sich auch das Schicksal Moses’ jüdischer Familie im Nazi-Deutschland. Reportagen aus den 60er Jahren zu „Juden in Deutschland“ und „Katholiken im Rheinland“ sind in Berlin zu sehen.

Die Fotografien der Ausstellung „Das exotische Land“ ziehen einen immer wieder an, weil die Motive so absichtsvoll ins Licht gerückt wurden. Nachbearbeitet und fixiert – noch in der Dunkelkammer.

Bis 12. Mai; täglich 10 bis 18 Uhr; Tel. 030/20 30 40; www.dhm.de

Quelle: wa.de

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