Jac van Steen verabschiedet sich von Dortmund

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Mit Mikro und Taktstock: Jac van Steen verabschiedet sich im Konzerthaus Dortmund. Er spielte mit den Philharmonikern Musik von Mahler und von Britten.

Von Edda Breski DORTMUND - Jac van Steen hat bis heute keine wirkliche Erklärung dazu abgegeben, weshalb er Dortmund nach nur fünf Jahren verlässt. Die Entscheidung der Dortmunder Verwaltung, seinen Vertrag nicht zu verlängern, hat er mit dem Taktstock in der Hand kommentiert. Der scheidende Generalmusikdirektor hat in dieser Woche mit den Dortmunder Philharmonikern zwei Abschiedskonzerte im Konzerthaus gegeben.

Dafür hob er Werke ins Programm, die zeigten, was die Philharmoniker können: Mahlers erste Sinfonie und das Violinkonzert von Britten mit Isabelle Faust als Solistin. Zu hören war ein Orchester, das einen farbsatten, emphatischen Klang pflegt, besonders geeignet für die Spätromantik und ihre Ausläufer; das außerdem sorgfältig an Klangtransparenz und Dynamik gearbeitet hat.

Das war in dem eher selten gespielten Britten-Konzert zu erleben, in dem sich die Dortmunder Philharmoniker und van Steen in einen intensiven Spannungsaustausch mit Isabelle Faust begaben. Faust gibt ihrem Part eine gläserne Transparenz, die im ersten Satz beinahe distanziert erscheint. Die innere Bedrängnis, die Britten in seiner Musik verarbeitete, gewinnt allmählich und mit großer Wucht Raum, Faust findet im Finale des ersten Satzes einen weißglühend konzentrierten Ton. Sie konzentriert sich auf die Verdichtungspunkte in der Musik, stößt von ihnen aus in die Lyrismen vor, um wie von einem Magneten angezogen wieder zurückzukehren.

Das Orchester bildet den Gegenpol: golden schwelgend im ersten Satz, militärisch straff im zweiten; vielleicht insgesamt etwas schwer im Klangbild. Der Finalsatz zwingt die Pole – den konzentrierten, aufbegehrenden Part der Solovioline und den mächtigen, satten Orchesterpart – zusammen, die Gegensätze reiben sich; in den besten Augenblicken staut sich zwischen Faust und dem Orchester eine enorme Spannung auf.

Van Steen hat das ganz große sinfonische Repertoire mit den Dortmundern behutsam aufgebaut. Sein Mahler ist eher tragisch als ironisch, dabei geradlinig; er schwelgt nur an ausgewählten Stellen. Van Steen baut einen klaren Spannungsbogen auf. In den ersten zwei Sätzen geht er beinahe nüchtern zu Werke, steuert gelassen durch die Untiefen und Brechungen der Musik. Der zweite Teil birgt für ihn den emotionalen Sprengstoff der Sinfonie. Der Moll-Kanon im dritten Satz entwickelt sich unerbittlich, bis die Violinen mit schmelzendem „wiener“ Klang einsetzen; van Steen hat sich das bis zu diesem Moment aufgehoben. Im vierten Satz stürzt sich, nach einem gequälten Aufschrei, die Musik über emotionale Klippen hinunter. Van Steen entfesselt erst hier die volle Wucht seines Orchesters und führt es zum grandiosen Finale.

Am Mittwoch hat van Steen sein letztes Abschiedskonzert geleitet. Das Dortmunder Publikum hat ihm einen emotionalen Abschied bereitet; als Flashmob sang es den umgedichteten Kanon „Bruder Jakob“. Buhrufe und Hohngelächter gab es, als die geschäftsführende Direktorin des Dortmunder Theaters, Bettina Pesch, Grußworte im Namen des Oberbürgermeisters sprechen wollte.

Der Widerstand gegen van Steens Weggang hatte sich vor zwei Jahren in der Initiative „Publikum pro Philharmoniker“ formiert. Eine Vertreterin hielt eine Rede, die zeigte, wie viel Unmut dieser Sache wegen in Dortmund schwelt.

Das letzte Wort hatte van Steen, der den Abschiedsreden meist mit gelassener Ironie folgte; am Ende wurde er emotional. Er sagte: „Wir haben die Kunst in uns. Dagegen ist alles andere ganz klein.“

Quelle: wa.de

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