Jac van Steen über das 125-jährige Bestehen der Dortmunder Philharmoniker

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Jac van Steen

DORTMUND ▪ Vor 125 Jahren wurden in Dortmund die Philharmoniker gegründet. Zum Jubiläum des Städtischen Orchesters sprach Elisabeth Elling mit seinem Dirigenten Jac van Steen. Der Niederländer verlässt nach der Jubiläumssaison die Stadt; sein Vertrag wurde nicht verlängert.

Herr van Steen, was haben Sie sich gedacht bei den Programmen zu den zehn Jubiläums-Konzerten?

van Steen: Ich habe geschaut, was der Anlass war, die musikalische Herausforderung, 1887 ein Orchester zu gründen. Anscheinend gab es in anderen Städten Werke zu hören, die man auch in Dortmund haben wollte. Was man 1887 angeboten bekam als Welturaufführungen, sind heute Kassenerfolge. Tschaikowskis Fünfte, Saint-Saëns‘ Orgelsinfonie, Mahlers Erste, Bruckners Achte, Brahms‘ Doppelkonzert... Man findet darum in jedem Konzertprogramm mindestens ein Werk aus der Zeit um 1887.

Alles Werke mit großer Besetzung...

van Steen: Ja, da kommt die Kulturpolitik um die Ecke. Das ist ein Statement: Dass Dortmund realisiert, wie wichtig die Größe des Orchesters ist. Ich möchte dafür kämpfen und zeigen: Diese Musik ist da, sie ist ein Welterbe, und für sie sind die Philharmoniker gegründet worden.

Ist denn der A-Status des Orchesters in Gefahr?

van Steen:Das ist er immer. Sparen ist wichtig, aber man macht dann die Musik kaputt, weil man das große Repertoire aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr spielen kann. Das Publikum will das aber. Und wir sind dafür da, neue Wege zu finden, um das Publikum und seine Wünsche zu bedienen.

Sie kennen viele Orchester. Was schätzen Sie im Vergleich an den Dortmunder Philharmonikern?

van Steen: Britische und amerikanische Orchester arbeiten die gleiche Anzahl von Auftritten ab mit der Hälfte der Probenzeit. Ich nehme diese Professionalität gern mit nach Deutschland. Umgekehrt bringe ich die Klangästhetik von den Dortmunder Philharmonikern mit: einen sehr reichen und warmen romantischen Wagnerklang.

Sie kamen von Weimar nach Dortmund, in eine Stadt mit industrieller Prägung und einem weniger präsentem Bildungsbürgertum. Wie war das?

van Steen: Ein großer Kontrast. Ein Kulturbürgertum kann eine Behinderung sein für Abenteuer. In Weimar ist man – fast wie ein Käse unter einer Glaskuppel – so ungeheuer stolz auf alles, was in der Vergangenheit war. Dortmund hat ein ehrliches Publikum, das auch sehr kritisch ist.

...und das mit dem Auslaufen Ihre Vertrags nicht einverstanden ist.

van Steen:Da gibt es jetzt die Initiative Publikum Pro Philharmoniker (PPP), die auch eine Reaktion auf die Politik ist in Sachen meines Weggangs. Sie verteilen Flyer, verkaufen unsere CDs. Das unterstützt uns sehr. Das Publikum ist sich des kulturellen Reichtums sehr bewusst, den Dortmund jetzt hat. Mein Wunsch wäre – wobei ich daran nicht weiter arbeiten kann, das akzeptiere ich –, dass sich die verschiedenen Inseln, die in der Stadt auf höchstem Niveau treiben, dass die sich miteinander verbinden: das U, Chorakademie, Jazzakademie, Philharmoniker, Oper und so weiter. Das ist mir noch nicht gelungen.

Sind Sie ein Netzwerker?

van Steen: Ja, eher Kommunikationsmusiker. Ich bin, und das ist nicht in jeder Stadt so, Musiker in Diensten der Stadt Dortmund. Ich bin GMD der Stadt, nicht nur eines Opernhauses. Die Johannespassion (29. März 2013) mache ich deshalb mit Leuten von der Chorakademie. Es ist für mich uninteressant, mit Sponsorengeld einen Chor aus Usbekistan oder sonstwoher zu holen, der vielleicht einen Tick lauter oder anders singt. Mir ist es wichtig, dass ich das mit Leuten aus der Stadt auf hohem Niveau gestalten kann. Das hätte ich mir mehr gewünscht, dass die Potenziale hier zusammen wirken.

Was steht dem entgegen?

van Steen: Es wird eine Landschaft geschaffen, wo Konkurrenz herrscht. Wenn wir weniger Geld bekommen und das Geld fließt in ein U, das mehr Geld braucht, weil da falsch gerechnet wurde, dann tut das erst einmal weh. Da muss man schon weit über seinen Schatten springen können, um die Kommunikation weiter anzugehen und nicht nur für seinen eigenen Laden zu kämpfen. Das Schauspiel will sich profilieren, muss das auch. In der Oper muss noch knallhart gearbeitet werden, denn das läuft nicht gut. So geht es uns allen: Man ist froh, wenn man überlebt. Aber zusammen wären wir stärker.

Seit zehn Jahren gibt es das Konzerthaus. Hier gastieren die internationalen Spitzenorchester. Ist das Konkurrenz oder Bereicherung?

van Steen: Das ist eine sehr große Konkurrenz, aber bereichernde Konkurrenz. Ich finde es schön, dass Herr Stampa (der Intendant des Konzerthauses) Erfolg hat. Ich schätze ihn als Geschäftsmann und als Programmeur für ein Haus, das in Europa etwas zu sagen hat. Für mich ist die Herausforderung, eine Programmierung zu bieten, die neben den Gastorchestern besteht. Ein Stadtorchester kann da verrücktere Kombinationen bieten.

Im Jubiläumsheft schreiben Sie von Kultur als „Produkt der Freizeit“. Das klingt nach Entspannung, Unterhaltung. Ein Gegenentwurf zur bildungsbürgerlichen Käseglocken-Hochkultur?

van Steen:Das Bildungsbürgertum ist mir sehr wichtig, und ich wünsche mir, dass Holland mehr davon hätte. Das ist eine aktuelle Aussage, weil seit einem halben Jahr Hollands Kultur dezimiert wird. Museen, Theater, Balletts, Orchester verschwinden einfach. Aber zur Freizeit: Jugendarbeit ist wichtig, und wir müssen auch die 30-Jährigen bekommen. Aber unsere Gesellschaft altert; viele haben aufgehört mit ihrem Job und haben viel Zeit. Die will ich benutzen für Kultur und Musik, um innerlich gesünder zu bleiben.

Die Konzerte

Die Dortmunder Philharmoniker spielen im Konzerthaus viele Werke aus ihrem Gründungsjahr 1887. Eine Auswahl aus den Programmen:

11./12. September Peter Tschaikowski, Sinfonie Nr. 5 e-Moll; Karol Szymanowski, Violinkonzert Nr. 1, Solistin: Janine Jansen

3. Oktober Jubiläumsgala: Richard Strauss, Also sprach Zarathustra; Bela Bartók, Konzert für Orchester

23./24. Oktober Anton Bruckner, Sinfonie Nr. 8 (live auf WDR 5)

13./14. November Camille Saint-Saëns, Sinfonie Nr. 3, Solistin: Iveta Apkalna, Orgel

22./23. Januar 2013 Johannes Brahms, Konzert für Violine, Violoncello und Orchester

5./6. Februar Uraufführung: Stefan Heucke, „Die alte Weise, sehnsuchtsbang“. Sinfonische Variationen, Dirigent: Anton Marik

5./6. MärzKarl Goldmark, Sinfonie Nr. 2

9./10. AprilCésar Franck, Sinfonie d-Moll

7./8. Mai Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 10 Es-Dur

11./12. JuniNikolai Rimsky-Korsakow: Sheherazade

2./3. JuliGustav Mahler, Sinfonie Nr. 1 D-Dur; Benjamin Britten, Violinkonzert d-Moll; Solistin: Isabelle Faust

Karten: Tel. 0231/5027222; http://www.konzerthaus-dortmund.de

Quelle: wa.de

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