Start in Bochum: Böschs „Sturm“, Webers „Eisenstein“

+
Wütende Elementargestalt: Nicola Mastroberardino als Ariel im Bochumer „Sturm“. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Ariel flattert verzweifelt mit den Armen. Aber zu klein die roten Flügelchen, zu schwach der Atem. Er hebt einfach nicht ab. Auf dem Sandstrand im Bochumer Schauspielhaus spendet nicht einmal das sanfte Meeresrauschen des Hintergrundvideos Trost. Der Luftgeist aus Shakespeares letztem Drama „Der Sturm“ fühlt sich schlapp und frustriert. Für das titelgebende Unwetter dopt er sich gar mit einer Dose Energy-Drink.

Dann aber geht die Post ab in David Böschs Inszenierung. Es ist der Höhepunkt im Premierenmarathon, mit dem Intendant Anselm Weber seine erste Spielzeit eröffnet. Der 1978 geborene Regisseur hatte schon vor fünf Jahren Webers damalige Eröffnung am Schauspiel Essen mit einem wunderbaren „Sommernachtstraum“ veredelt. Nun legt er nach.

Das Drama wird gemeinhin unter die Komödien des elisabethanischen Dichters einsortiert. Bösch lauscht ihm Wut und Trauer ab, ohne dem Text Gewalt anzutun. Meistens steht der Zauberer und um seine Herrschaft betrogene Herzog Prospero im Zentrum. Er rettete sich auf die Insel, und Ariels Sturm liefert ihm die glücklicherweise vorbeisegelnden Übeltäter aus, seinen intriganten Bruder Antonio und den Mitverschwörer, den König von Neapel. Sie irren ein wenig auf der Insel umher, gefoppt von Ariel, Reue überkommt sie, am Ende fahren alle heim, wobei sich gleich auch noch ein Gatte für Prosperos mitverbannte Tochter Miranda fand. Das ist der eher langweilige Teil der Geschichte, und entsprechend knapp handelt Bösch das ab. Er konzentriert sich auf die Opfer der Geschichte, die Unterdrückten: Ariel und Caliban.

Beide sind sie dem Willen Prosperos ausgeliefert, und selbst der edle Luftgeist bekommt eine Tracht Prügel, wenn er nicht schnell genug spurt. Noch schlechter dran ist Caliban, der Hexensohn, der Eingeborene, der nicht mal als richtiger Mensch angesehen wird.

Bösch ätzt die Altersmilde aus dem Stück. Klaus Weiss spielt den Prospero als verbitterten Greis, der die Zauberei aufgibt, weil ihm am Ende die Kraft zum Hass fehlt. Ein Kontrollfreak, der Ariel magische Aufgabenblocks in die Tasche steckt, damit er keine Pflicht vergisst. Der seine Tochter mit magischem Fingerschnippsen zu Bett schickt (Xenia Snagowski spielt fein die Kindlichkeit Mirandas aus, wenn sie trotzig mit den Füßen stampft: „Ich will aber!“). Die Größe der Vergebung nimmt Bösch als bloße Behauptung. Dieser Magier lebt seine Launen heftig aus.

Der gefesselte Ariel des großartigen Nicola Mastroberardino steht seinem Meister in nichts nach. Wenn er sich langweilt, dann dreht er Caliban und anderen Menschen den Kopf um. Für eine Wiederbelebung mit Starkstromsound reicht seine Magie. Das mutet an wie ein Videospiel. Ariel wütet, manchmal in Werwolf-Maske, mit mikrofonverstärkter Stimme, dann mit Zweigbündeln als Peitschen. Der Caliban von Florian Lange dagegen sucht nach Liebe, schmiegt sich jedem an, der ihn, den müffelnden Fischmenschen, lässt. Selbst der Rüpel Stephano (den Ronny Miersch als Rambo-Verschnitt im Tarnanzug gibt) findet das Vertrauen dieses schon oft Betrogenen. Wie laut ruft er nach „Freiheit!“, und stets wird sie ihm versagt. Ein grober Kindmensch, der die Zuschauer rührt.

Bösch spart nicht an Effekten, er gibt uns den Splatterfilm und lässt dem Narren Trinculo (Daniel Stock) von Stephano und Caliban Hände und Zunge abschneiden, als wär er Titus Andronicus‘ Tochter. Der Spaß hat für Bösch längst aufgehört. Darum lässt er den „Sturm“ unversöhnt enden, mit dem Tod der Naturgeschöpfe Ariel und Caliban, die von den abziehenden Menschen rücksichtslos benutzt und abgelegt wurden. Bösch schwärzt Shakespeares Drama ein zum Sinnbild einer technikgläubigen Menschheit. In der Inszenierung kommt allenfalls Shakespeares Sprache zu kurz, wofür die Bilder, die Sinnlichkeit und der böse Humor aber entschädigen.

Intendant Anselm Weber stellt sich mit einer Uraufführung vor: „Eisenstein“ von Christoph Nußbaumeder. Der Titel bezieht sich auf ein Dorf in Niederbayern. Der Autor zeichnet eine bundesrepublikanische Chronik am Beispiel einer Familie über mehr als ein Halbjahrhundert nach. Eine komplizierte Geschichte um Lügen, enttäuschtes Vertrauen und Ehrgeiz. Erna Schatzschneider, Flüchtlingsfrau, kommt nach Eisenstein und hat dort eine Affäre mit dem Gutsbesitzer Josef Hufnagel. Sie ist schwanger, aber nicht von ihm, lässt ihn das aber glauben. Er fördert seinen vermeintlichen Sohn, aber als der sich in Hufnagels eheliche Tochter Gerlinde verliebt, bringt er die beiden auseinander, im Glauben, es handele sich um Blutschande. Georg Schatzschneider und Gerlinde Hufnagel erfahren später die Wahrheit, aber Glück erleben sie nicht. Aber Georg macht wie sein vermeintlicher Vater rasante Karriere. Kunstvoll führt Nußbaumeder sein Personal immer wieder zusammen, und er spart in seinem Drama nicht an zeitgeschichtlichen Pointen. Die Devisengeschäfte eines bayerischen Ministerpräsidenten mit der DDR kommen ebenso vor wie später die einsetzende Globalisierung, der deutsche Firmen zum Opfer fallen. Vor allem geht es um die Nachwirkungen der ersten Lüge über Generationen hinweg.

Weber inszeniert das texttreu in einer sparsamen Szene, die Tisch, Stuhl und Holz variiert, mal als Baumstamm im Sägewerk, mal als Rohholz-Theke einer Kneipe. Die Schauspieler übernehmen fast alle mehrere Rollen. Wenn einer stirbt, legt er vorn ein Kleidungsstück ab. Vor einem Zeitsprung treten die älteren Darsteller einer Rolle neben die jüngeren, es gibt dann zwei Georgs, zwei Gerlindes, ein szenischer Staffellauf. Leistungsträger des Essener Ensembles hat Weber mitgebracht, und Andreas Grothgar (erst Josef, dann Georg) und Bettina Engelhardt (Erna, Gerlinde) gewannen das neue Publikum auf Anhieb. Überzeugend auch die Rückkehr von Dietmar Bär (sonst Kommissar im Kölner „Tatort“) an die einstige Wirkungsstätte. Er fügt sich unprätentiös ins Ensemble und spielt erst einen feigen Ex-SS-Chargen, dann einen netten Gastarbeiter aus dem Ruhrgebiet, der für heimelige Pointen zuständig ist. Was Wolkenkratzer in New York sollen, fragt er blauäugig, nachher stürzt da noch ein Flugzeug drauf... Mit dreieinhalb Stunden etwas zu lang, aber gerade im ersten Teil packend konstruiert.

Shakespeares Drama ohne Altersmilde: Der Sturm, 2., 10., 16., 22.10., 1., 20., 27.11.,

Ein Familiendrama als zeitgeschichtliches Stationenstück über die Bundesrepublik: Christoph Nußbaumeders Eisenstein

3., 10., 16., 30.10., 6.11.,

Ironische Einführung in die Musik- und Partykultur der Elfenbeinküste: Eleganz ist kein Verbrechen, 30.9., 3., 12., 16., 31.10., 1., 11., 28.11.,

Tel. 0234/33 33 55 55

http://www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare