27.500 Musikfans auf Schalke

Starkes Line-Up bei "Rock im Pott" in Gelsenkirchen

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Weniger Zuschauer als im Vorjahr, ein undichtes Hallendach, Menschenschlangen, wohin das Auge reicht - der Stimmung bei der zweiten Auflage des Ein-Tages-Festivals "Rock im Pott" in der Gelsenkirchener Veltins-Arena macht das keinen Abbruch. Kein Wunder bei dem hochkarätigen Line-Up. Sechs Bands mit ordentlich viel Rock und einer Prise Rap sind am Start.

Von Tim Griese

Der Opener Biffy Clyro hätte gut und gerne auch als Headliner durchgehen können. Jetzt muss sich das schottische Trio mit der undankbaren Rolle des Anheizers begnügen, sorgt vor rund 27.500 Zuhörern aber schon am frühen Nachmittag für abendfüllende Unterhal-tung. Große Melodien gehö-ren zu ihren Stärken. Das Markenzeichen: freie und ordentlich tätowierte Oberkörper, viel Energie und mitreißende Hymnen wie gemacht fürs große Stadion. "Captain" ist eine dieser Mitgröl-Nummern. Oder aber "Black Chandelier" mit einem Refrain für die Ewigkeit. Simon Neil, der bärtige Sänger, ergibt sich am Ende an der Gitarre in wilde Verrenkungen, die Zuschauer sind aufgewärmt.

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Rock im Pott 2013

Kontrastreich geht es wei-ter mit den Deftones. Die Alternative-Metalband aus Sacramento wütet in disharmonischen Gefilden, mal zahm, aber zumeist mit einer gehörigen Portion Wut im Magen. Sänger Chino Moreno tobt ekstatisch umher und schreit sich die Seele aus dem Leib. Der Höhepunkt ist mit dem kraftvoll balladesken "Change (In the House of Flies)" aber auffallend zurückhaltend.

Casper scheint auf Anhieb nicht so ganz ins Programm zu passen. Der Bielefelder Rapper erkennt das auch. "Wer findet's zum Kotzen?" ruft er mit einem breiten Grinsen. "Wisst Ihr was? Ich auch." Ist natürlich nur Spaß. Casper findet schnell einen Draht zu den harten Rockern auf Schalker Rasen. Im Rücken hat der 30-Jährige eine fünfköpfige Live-Band. Am Ende hat er das Volk auf seiner Seite, und die Hände sind in der Luft bei Songs wie dem ra-diotauglichen "So perfekt", dem vor Aggressivität strotzenden "Mittelfinger hoch" und "Rock 'n' Roll": Passt also doch.

Tenacious D müssen sich gar nicht bemühen. Es reicht wenn die beiden Wonneproppen Jack Black, im zweiten Leben gut bezahlter Hollywood-Schauspieler, und Kyle Gass, ebenfalls Mime von Beruf, nur dastehen und die Augen rollen lassen. Dann tobt die Menge. Das Duo steht für Klamauk und Heavy Metal - mit Akustikgitarren. Vor allem aber nehmen die beiden kein Blatt vor den Mund, auch wenn ihre Comedy-Show sich bisweilen in babylonischer Sprachver-wirrung ergeht. Ansonsten besingen Black und Gass - wenn sie nicht gegen einen Alien-Tintenfisch kämpfen oder mit einem Roboter, der den personifizierten Metal darstellt, Gitarre spielen - das Duell mit dem Teufel in "Beelzeboss (The Final Showdown)", erzählen von der Flucht nach Hollywood in "Kickapoo" und präsen-tieren eine Hommage an den besten Rocksong aller Zei-ten in "Tribut", während im Bühnenhintergrund ein aufblasbarer Phönix bedrohlich dreinblickt. Es ist kein Zufall, dass er einem männlichen Gemächt ähnelt.

Volbeat stammen aus Däne-mark und haben sich eben-falls dem Heavy Metal ver-schrieben - allerdings kommt das Quartett eine Stufe humorloser daher. Das neue Album "Outlaw Gentlemen & Shady Ladies" atmet Western-Atmosphäre und viele der Geschichten, die Sänger Michael Poulsen in Gelsenkirchen mit Inbrunst vorträgt, könnten geradewegs aus der Prärie stammen wie etwa "Doc Holliday" oder "Lola Montez". Johnny Cashs "Ring of Fire" wird ebenso gecovert wie - untypisch für den Wilden Westen - Rammsteins "Keine Lust".

Die Headliner des Tages sind System of a Down. Das letzte Album der kalifornischen Metaller stammt zwar aus dem Jahr 2005, eine Horde an Fans hat der Vierer aber dennoch dabei. Für die gibt es Klassiker wie "Chop Suey!" oder "Toxici-ty" und die Erinnerung, mit wie viel Abwechslungsreichtum und Experimentierfreude die armenisch-stämmigen Mu-siker um Sänger Serj Tan-kian ihre Songs konstruierten: Folkloristisch geht es in "Radio/Video" zu, "Lost in Hollywood" ist eine schwere Ballade mit gebetsartigen Strophen und "A.D.D." aus allerlei Ver-satzstücken zusammenge-setzt, am Ende aber immer noch ein Thrasher. Im Pub-likum bricht gewolltes Chaos aus, Kamikaze-Tänzer sind unterwegs. Auch wenn die meisten Tribünen leer bleiben, entscheidend ist immer noch auf'm Platz. Da hatte Adi Preißler recht.

Quelle: wa.de

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