Stankowski und seine Kollegen in Gelsenkirchen

+
Klare Aussage: Titelblatt eines Schuhprospekts von Anton Stankowski.

GELSENKIRCHEN – Man sieht es dem gemütlichen Mann nicht an, der auf dem Foto vor der Haustür posiert, mit Zigarillo und seinem kleinen, von Erich Bödeker geschaffenen Double aus Beton. Von Ralf Stiftel

Aber Anton Stankowski (1906– 1998) war der bedeutendste deutsche Designer nach dem Krieg. Seine Werke begegnen einem täglich. Es sind Markenzeichen von Firmen wie der Deutschen Bank, Rewe, Iduna, Viessmann, der Stadt Berlin und vielen anderen, für die er das komplette Corporate Design gestaltet hat. Seine Heimatstadt hat der Bergmannssohn aus Gelsenkirchen nicht vergessen, auch wenn er sein Studio in Stuttgart betrieben hatte. So schenkte er dem Museum Gelsenkirchen ein beachtliches Konvolut seiner Werke.

Diesen Schatz aktiviert das Haus in der Ausstellung mit dem langen Titel „Ob Kunst oder Design ist egal – nur gut muss es sein. Der Kreis um Anton Stankowski“. Weil erst 2006 eine Retrospektive zum 100. Geburtstag auch in Bottrop zu sehen war, mochte Museumsdirektorin Leane Schäfer nicht einfach wieder eine Werksübersicht bieten. So entstand die Idee, Stankowski in seinem künstlerischen Netzwerk abzubilden, in einen Dialog eintreten zu lassen mit seinem Lehrer Max Burchartz, mit Freunden, Kollegen, Schülern.

Stankowski war ein Aufsteiger: Nach einer Malerlehre erst besuchte er die Folkwang-Schule in Essen, an der ähnlich moderne Ideen herrschten wie am Bauhaus in Dessau. Dort traf er Burchartz, der ihm die Konzepte der „neuen Werbegestalter“ vermittelte, eines Kreises um Kurt Schwitters, El Lissitzky, Theo van Doesburg und Friedrich Vordemberge-Gildewart. Die Reduktion der Reklame auf nüchterne, aber einprägsame Typographie und Graphik nahm Stankowski hier auf. Als er Ende der 1920er Jahre in die Schweiz ging, wurde er dort zum „progressivsten Grafiker in Zürich“, wie seine Kollegin Verena Loewensberg einmal sagte. Die Modernität behielt er bei, auch als die Schweiz ihm die Aufenthaltserlaubnis entzog und er ins Nazi-Deutschland zurückkehren musste. Nach dem Krieg schlug seine Stunde.

Stankowski unterschied nicht zwischen angewandter und freier Kunst – der Ausstellungstitel ist eine programmatische Formulierung von ihm. Und seine Weggefährten teilten diese Überzeugung, wie der Schweizer Künstler Max Bill, später in Ulm Rektor der Hochschule für Gestaltung, der Philosoph Max Bense, der Architekt Egon Eiermann. 35 Künstler zeigt die Schau im Dialog mit Stankowski, rund 200 Werke zwischen Kunst und Design sind zu sehen.

Manche Entdeckung ist da zu machen. Wer weiß schon, dass Josef Albers nicht nur Quadrate gemalt hat, sondern auch Möbel entworfen hat wie die „Nesting Tables“, die inzwischen wieder aufgelegt wurden. Dabei könnte man es wissen, schließlich war Albers Lehrer am Bauhaus. An der Wand hängt eine „Hommage to the Square“ – und Stankowskis „Zwei gestufte Quadratzentren“ (1955). Die konstruktive Kunst kommt um die geometrischen Grundformen nicht herum. So ist das Quadrat ein Leitmotiv der Schau, bei Hans Coray, Richard Paul Lohse, Max Bill und vielen anderen.

Eintönig wird dieser visuelle Austausch nie. Zu unterschiedlich sind die Positionen, zum Beispiel bei Otl Aicher mit seinen Piktogrammen oder beim Farbmaler Rupprecht Geiger. Und auch Willi Baumeister, einer der wichtigsten Vertreter der Nachkriegsabstraktion, gestaltete Plakate, darunter ein niedliches für Oetker-Pudding. Und selbst ein Minimalist wie der US-Künstler Donald Judd, Preisträger des Stankowski-Stiftung, arbeitete angewandt – in der Schau sieht man ein Regal und einen Stuhl von ihm.

Zumal der Zweiklang von Design und freier Kunst noch durch die Fotografie erweitert wird. Wunderbare Pointen setzen Aufnahmen Stankowskis aus den 30er Jahren, die mal Reportage-Charakter haben, mal reine Objekt-Fotografie sind, und die den Dialogpartnern zugeordnet wurden. Da ist Schmunzeln erlaubt, wenn ein Siebdruck des brasilianischen Künstlers Almir Mavignier mit einem Punktmuster mit einem Foto kommentiert wird, das eine geöffnete Konservendose voller Erbsen zeigt.

Bis 18.4., di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 0209/ 169 43 61,

http://www.gelsenkirchen.de

Katalog, Verlag avedition,

Ludwigsburg, 29,90 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare