Die Stahl-Dynastie: Fotos aus dem Krupp-Archiv in der Villa Hügel Essen

Ein dynamischer Moment im Wirtschaftswunder: 1955 fotografierte Erich Lessing das Krupp-Direktorium, vorn links Alfried Krupp, daneben Berthold Beitz.

Von Ralf Stiftel ▪ ESSEN–Sehr seriös stehen die Herren in den dunklen Anzügen in der Empfangshalle der Villa Hügel. Und doch wirken Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, Berthold Beitz und das Krupp-Direktorium auf dem Foto von 1955 wie eine Boygroup. Erich Lessing hatte sie nicht zum steifen Gruppenfoto nebeneinander platziert. Er verteilte sie in der Tiefe des Raumes. Es verleiht dem Foto zugleich Würde und Dynamik.

Das Bild ist in der Ausstellung „Krupp. Fotografien aus zwei Jahrhunderten“ zu sehen, in der Essener Villa Hügel, dem einstigen Familiensitz der Krupps. Das Unternehmen feiert 200. Geburtstag: Am 20. November 1811 hatte Friedrich Krupp seine Gussstahlfabrik in Essen gegründet. Zu diesem Anlass wird erstmals ein Querschnitt durch die Fotosammlung des Historischen Archivs Krupp geboten. Das bietet sich an, weil das Medium ungefähr ebenso alt ist wie die Firma: Die ersten Foto-Versuche unternahm der französische Drucker Nicéphore Nièpce im Jahr 1816. So dokumentiert die Schau, wie Kurator Ralf Stremmel erklärt, zugleich die Fotografiegeschichte.

Die Familie Krupp war versessen auf Fotografie. In einer „Schatzkammer“ sieht man kleine Daguerrotypien aus der Zeit um 1850, die älteste Aufnahme zeigt Alfred Krupp (1812–1887) um 1849. Später nutzte man das Medium zur Repräsentation, die Krupps ließen Fotos als Visitenkarten drucken. Es gibt förmliche Porträts, auf denen die Familienmitglieder präzise arrangiert wurden. Dann wieder zeigen Schnappschüsse das Privatleben der Fabrikantendynastie: Ein Frühstück auf dem Balkon, ausgelassenes Wintervergnügen auf Skiern, Vater Alfried Krupp mit Sohn Arndt und Fotoapparat. Allerliebst ist eine Aufnahme von 1910, die Gustav Krupp von Bohlen und Halbach mit Sohn Alfried am Strand von Heiligendamm zeigt, mit kurzen Hosen im flachen Wasser.

400 Aufnahmen sind ausgestellt. Das ist viel, aber nur ein verschwindend kleiner Bruchteil des Bestands. Wie viele Fotos das Archiv besitzt, weiß niemand, Schätzungen lauten auf mehr als zwei Millionen. Die Ausstellung soll nicht die Firmengeschichte erzählen, betont Stremmel. In griffige Kapitel unterteilt, bietet die Schau mal mehr die private Seite der Familie Krupp, vermittelt dann, wie das Unternehmen das Medium nutzt, um sich öffentlich zu präsentieren.

Die Bilder stehen im Zentrum. Mit Recht, denn nicht nur bei Gussstahlkanonen, auch bei der Öffentlichkeitsarbeit war Krupp ein Pionierunternehmen. Schon 1861 gründete Alfred Krupp eine eigene „Photographische Anstalt“ für sein Unternehmen, vermutlich die erste Werksfoto-Abteilung der Welt. Er erkannte den Wert des Mediums für Werbezwecke. Die Abteilung wuchs rasant. 1912 arbeiteten hier 300 Mitarbeiter, die nicht nur Bilder machten, sondern auch Werbemittel druckten.

Überaus effektiv war ein aus elf Einzelaufnahmen komponiertes, acht Meter langes Rundum-Panorama des Werks von 1867. Firmenfotograf Hugo van Werden (1836–1911) hatte an einem Sonntag eigens dafür 250 Arbeiter gerufen, die an ihren Arbeitsplätzen stillstehen mussten. Krupp nutzte das Bild für den Firmenstand auf der Weltausstellung in Paris. Zugleich dienten die Bilder der internen Dokumentation, sei es bei Versuchen mit Eisenbahnrädern, sei es beim Krupp-Stand auf der Weltausstellung von Philadelphia 1876. Und man sieht natürlich immer wieder die Arbeit im Stahlwerk, zum Beispiel ein kleines Panorama aus der Geschossdreherei von 1905, Blicke in die Montagehallen oder funkenstiebende Ansichten von Hochöfen.

Und sogar zur internen Motivation dienten die Bilder. Schon 1899 entstand eine Serie mit Ansichten des Produktionsprozesses, bei denen die einzelnen Arbeiter in den Blick genommen wurden. Hier lag der Beginn des Mythos von der „Krupp-Familie“, der in der Firmenzeitschrift gepflegt wurde. Ein Arbeiter hatte 1892 gedichtet: „Wir sind Alle Kruppianer.“ Die Inhaber machten daraus eine Unternehmensphilosophie. Die Fotografie bediente diese Einstellung. Für Dienstjubilare gab es ein Foto mit Krupp oder ein Porträt von ihm, das durchaus in Ehren gehalten wurde. Hinzu kamen Sozialleistungen wie das Krupp-Krankenhaus und Geschäfte für die Betriebsangehörigen. Noch Alfried Krupp sah sich in der Rolle des gütigen Patriarchen, wie Aufnahmen belegen, die ihn plaudernd mit Lehrlingen zeigen. Weniger mochte er ein Porträt des US-Fotografen Arnold Newman, das ihn 1963 in der Lokomotivwerkstatt zeigte wie einen Diktator.

In Unternehmen dieser Größenordnung gibt es immer wieder Staatsbesuche, der chinesische Vizekönig Li Hongzhang kam 1888 ins Ruhrgebiet, der ägyptische König Fuad war 1929 da, und noch 1954 empfingen Bertha und Alfried Krupp den äthiopischen Kaiser Haile Selassie. Sie alle sind im Raum zu sehen, der „Netzwerke“ nachzeichnet. Fotos zeigen den deutschen Kaiser, der sich seine Waffenschmiede anschaut. Und auch die ganz dunklen Seiten der Krupp-Netzwerke werden nicht ausgeblendet: Man sieht Aufnahmen mit Hitler und Mussolini zu Besuch in der Villa Hügel. Die Zwangsarbeit in der NS-Zeit ist nicht zu sehen, die entsprechenden, offiziellen Bilder seien zu verharmlosend, erklärt Kurator Stremmel.

Wegen der Zwangsarbeit war Alfried Krupp von einem US-Kriegsgericht zu mehrjähriger Haft verurteilt worden. In den 1950er Jahren entspannte er sich mit Fotografie. Sein Vermögen erlaubte ihm Reisen nach Asien, Amerika, Afrika, wo er fotografierte. Seine Aufnahmen ließ er in privaten Bildbänden drucken. Eine Dia-Schau weist ihn als beachtlichen Amateurfotografen aus. Davor belegt ein Raum mit Fotoalben des späten 19. Jahrhunderts, typisch großbürgerliche Souvenirs, dass schon zuvor die Familie Freude am Medium Fotografie hatte.

Krupp. Fotografien aus zwei Jahrhunderten

in der Villa Hügel, Essen.

18.6.– 11.12.2011

Geöffnet di – so 11 – 18 Uhr

Tel. 0201/ 616 290

http://www.villahuegel.de

Begleitband, Deutscher Kunstverlag , München/Berlin, 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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