Die Städtische Galerie Paderborn zeigt Druckgrafik der Sammlung Coninx

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Fernand Légers „Kopf eines jungen Mädchens“ (1952) ist in Paderborn zu sehen.

PADERBORN - Fernand Léger hat in seinem anmutigen Porträt eigentlich zwei Bilder in einem geschaffen. Er überlagerte den „Kopf des jungen Mädchens“ mit seiner klassischen Pose, das Kinn nachdenklich in die Hände gestützt, mit einer abstrakten Farbkomposition. Die roten Flecken, die blauen, gelben, grünen Streifen stehen völlig eigenständig in dieser Serigrafie von 1952. Der Kunstgriff verleiht dem Blatt eine innere Bewegung, weil das Auge des Betrachters umschalten muss: Schaut es auf die Linien oder fixiert es die Farben?

Das faszinierende Bild ist in der Städtischen Galerie in der Reithalle in Paderborn Schloss Neuhaus zu sehen. Die Ausstellung „La femme au miroir“ versammelt dort gut 110 Grafikblätter der klassischen Moderne aus der Coninx-Stiftung Zürich. Der Stifter Werner Coninx (1911–1980), Verlegerssohn und offensichtlich besessener Bilderjunkie, trug 14 000 Objekte zusammen, die er in ein Privatmuseum einbrachte.

Die Ausstellung, konzipiert von der Kunstsammlung Jena und dort zuerst gezeigt, spiegelt zwei der Schwerpunkte der Kollektion. Zum einen ist das die Kunst des französischen Impressionismus und Post-Impressionismus. Zum anderen Pablo Picasso.

Auf der Empore empfängt den Besucher praktisch eine Kabinettausstellung, die in 40 Blättern die ganze Bandbreite des großen Spaniers umreißt, von der frühen „Suite des Saltimbanques“ (1905), die Picassos Faszination für die Welt der Gaukler reflektiert, bis zur Lithografie „La femme au singe“ (1954), die in ihrem Stilmix von extrem reduzierter Zeichnung und geradezu altmeisterlicher Genauigkeit beim Frauenakt auf das Spätwerk vorausweist. Aber es sind ebenso Beispiele aus der kubistischen Phase zu sehen, konfrontiert mit Arbeiten von Picassos Kollegen und Rivalen Georges Braque. Es gibt die düster-brutalen Blätter der „Vergewaltigung“ (1933) und zwei Blätter aus Picassos verzweifelt-hämischer Bildgeschichte „Traum und Lüge Francos“ (1937), in der er den spanischen Diktator als groteskes Mischwesen aus Kartoffel und Kaktus karikiert. Man findet die anrührende Familienszene „Le petit dessinateur“ (1954). Und in der Lithografie „Figure composée II“ (1949) entfaltet er aufs Virtuoseste seine Kunst der Perspektivverfaltung an einem Frauenkopf.

Aber auch sonst bietet die Ausstellung alles, was auf dem Kunstmarkt gut und teuer ist, eine faszinierende Übersicht der Kunst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im intimen Medium von Radierung und Lithografie. Speziell die Impressionisten sahen sich als „peintres-graveurs“, als Maler-Drucker, was die Gleichwertigkeit der Medien in ihrer Wertschätzung ausdrückt. Vieles hat hier materiell kleines Format, ist aber von großer Meisterschaft erfüllt.

Auch in dieser Abteilung findet der Besucher Werkgruppen. Der Ausstellungstitel, die „Frau im Spiegel“, deutet den roten Faden der Schau an: Das Bild des Menschen steht bei fast allen Blättern im Mittelpunkt, Frauenakte, Porträts, Genreszenen. Vom ältesten Blatt der Schau, einem Selbstbildnis von Edgar Degas (1855), schaut der 21-Jährige dem Betrachter selbstbewusst entgegen. Man kann sich an dem flirrenden Linienspiel in Édouard Manets Radierung „Jeanne (Der Frühling)“ (1882) erfreuen. Man findet gleich zehn Werke von Pierre-Auguste Renoir, duftig-skizzenhafte Frauenakt-Studien, aber auch niedliche, farbige Lithografien mit Darstellungen von Kindern wie das „Kind mit Keks (Jean Renoir)“ (1899).

Die Technik der Lithografie brachte Jules Chéret aus London nach Paris, wo er vor allem die Plakatkunst zu einem Massenmedium mit unglaublicher Strahlkraft entwickelte. Zwei seiner Plakate sind in Paderborn zu sehen, darunter ein herrliches Motiv, das 1893 für Auftritte der Tänzerin Loïe Fuller in den Folies-Bergère warb. Aber auch Arbeiten von Henri de Toulouse-Lautrec und von Pierre Bonnard sind ausgestellt, Plakate ebenso wie kleinere Darstellungen.

Viele Arbeiten werden dem Kunstfreund vertraut erscheinen. Aber es gibt auch Unerwartetes zu sehen, zum Beispiel die herben, von expressiven Grau- und Schwarztönen dominierten Blätter Georges Rouaults. Und wer denkt bei Marc Chagall schon an den souverän-pointierten Karikaturisten, dem man hier in Illustrationen zu Nikolaj Gogols Roman „Die toten Seelen“ (um 1927) begegnet?

Bis 19.3.2017, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05251/ 88 10 76, www. paderborn.de/galeriereithalle,

Katalog 24 Euro

Quelle: wa.de

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