Die Städtische Galerie Lüdenscheid zeigt Werke von Gerhard Hoehme

Zwischen Objekt und Bild: Gerhard Hoehmes Werk „steinerne Blume“ (1980) ist in Lüdenscheid zu sehen. Fotos: stiftel

Lüdenscheid – Was hängt da an der Wand in der Galerie der Stadt Lüdenscheid? Ein Gemälde, gewiss. Gerhard Hoehme hat für sein Werk „steinerne Blume“ (1980) Acrylfarbe auf die Leinwand gebracht. Die Pinselschläge in Grün und Rot am oberen Rand fügen sich vor dem Auge zu Blättern und Blüten. Aber da hängen noch diese Plastikschnüre. Und unten ragt ein Stück Plexiglas vor, auf dem ein Stein liegt. Das überschreitet die Grenzen der Malerei. Das flache Bild wird zum dreidimensionalen Objekt, bekommt einen Körper.

Die Begrenzung der Malerei auf die Fläche wollte Gerhard Hoehme (1920–1989) durchbrechen. Darum erweiterte er um 1960 seine Bilder um Plastikschnüre, die gleichsam Linien in den Raum ziehen. Die Malerei verlässt die Leinwand. Die „steinerne Blume“ ist dabei ein eher romantisches Beispiel seines Schaffens. Vielleicht blüht hier ja der Stein.

Lyrisch ist auch eine andere Arbeit in dem Ausstellungsraum: Ein „Fensterbild“ mit dem Titel „hinter den Blüten“ (1965), das den Blick in einen blühenden Garten suggeriert mit licht angedeuteten floralen Formen, die an Jugendstil-Arbeiten erinnern.

Hoehme, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, ist im Vergleich zu anderen Künstlern der Nachkriegszeit eher unbekannt geblieben. Zum zehnten Todestag 2009 hatten noch drei Museen in Duisburg und Düsseldorf den einstigen Professor der Kunstakademie Düsseldorf mit einer großen Präsentation geehrt. Jetzt aber passiert relativ wenig, eine Werkschau in der Akademie fiel weitgehend dem Lockdown wegen Corona zum Opfer.

Immerhin erinnert jetzt die Galerie in Lüdenscheid an den Neuerer. Die Schau „meine sehnsucht war der weitere raum...“ mit rund 60 Werken beschränkt sich auf kleinere Formate. Galerieleiterin Susanne Conzen hätte auch Beispiele der raumfüllenden Gemälde und Installationen bekommen können. Aber sie passten nicht durch die Türen. Da konzentriert sich das Haus darauf, eine Dauerleihgabe der Kunststiftung Lüdenscheid ausführlich vorzustellen, ein Konvolut von Druckgrafiken. Mit Leihgaben unter anderem des Städtischen Gustav-Lübcke-Museums Hamm, des Märkischen Museums Witten, der Gerhard und Margarete Hoehme-Stiftung ergibt sich doch eine schöne Übersicht von den Anfängen in den 1950er Jahren an.

Manches an Hoehmes Malerei erschließt sich ja nicht dem unmittelbaren Schauen. Das Bild „das Feld der Reiher“ (1976) besteht aus einer weißen Struktur auf der Leinwand, aus der auch einige weiße Schnüre hängen. Da ist schon die Interpretationsarbeit des Betrachters herausgefordert. Hoehme hat auch darauf listig hingewiesen. In einem Ausstellungsplakat von 1979 hat er in helles Grau mit weiß geschrieben: „Wenn man nichts sieht, schaut man länger hin“. Überhaupt kommt der Künstler, der über seine Arbeit sehr nachgedacht hat, in der Schau überwiegend selbst zu Wort. Seine Texte hängen an den Wänden. Und da liest man in einem „künstlerischen Manifest“: „...die Bilder sind nicht nur auf der Leinwand, sondern im Menschen“.

Hoehme hat zunächst in Halle beim Schriftkünstler Herbert Post gelernt. 1952 übersiedelte er in den Westen, studierte in Düsseldorf und hatte Kontakt mit französischen Vertretern des Informel. Dieses Spannungsfeld einerseits von gestalteter Schrift und andererseits einer abstrakten, gestischen Malerei lässt sich in den frühen Arbeiten verfolgen. Farbradierungen wie „Spiel in Blau“ und „Vibrierendes Leben“ (1959) überziehen die Fläche mit durchlaufenden Strukturen, die Bewegung, manchmal einen visuellen Rhythmus ergeben. Da findet sich eine ähnliche Bildauffassung wie im Gemälde „nervöses in Umbra. Gelbes Bild“ (1958), bei dem er schon die Farbe massiv aufträgt, so dass die Bildoberfläche wie ein Relief wirkt.

Daneben stehen Arbeiten wie die Radierung ohne Titel (1962), die Buchstaben einer fremden Schrift abzubilden scheinen. Beim „Haiku“ (1960) wirkt es, als habe jemand Schriftzeilen übermalt. Für die Radierung „Die Zeitung“ (1963) nimmt er keine weißen Blätter als Druckgrund, sondern Zeitungsseiten, auf die er eine wilde Mischung von zeichnerischen Formen, Buchstaben, Lineaturen setzt. Es ist eine Überschreibung, eine Neuinterpretation, ein Dialog zwischen dem nüchternen Massenmedium und einem Ausdruckswillen.

Immer wieder verarbeitete Hoehme eher triviale Materialien. Aus Anzeigen macht er Collagen („Hält für Sie bereit“, 1969). Und er lässt sich von Schnittmusterbögen faszinieren, deren Spiel von verwirrenden Linien einen ästhetischen Eigenwert ergeben. „tänzelnd“ (1964) heißt ein „Schnittmusterkasten“ (1964), in dem er mit Übermalung, mit Anfügen von Schnüren und Gaze eine surreale Bewegungsstudie zeigt, gleichsam eine abstrahierte Version von Verfremdungen, wie sie eine Generation früher Max Ernst schuf. In der Collage „Interschnitt-Mediator“ (1970) hat er das Profil eines Kopfes auf einen Bogen gesetzt.

Und immer wieder fordert er den Betrachter wie in der Installation „Stoffwechsel, gelb“ (1969): Da sind an die Enden eines Bretts zwei Plastikkästen montiert, der eine gefüllt mit Farbpigmenten, der andere mit (inzwischen eingetrockneter) Farbe. Aus den beiden hängen Schnüre auf den Boden. Man kann sich hier Energiedepots vorstellen, gelagerte Farbenergie, die in den Raum gezapft wird. Oder einen Kreislauf, eine Maschine, die Gelb zirkulieren lässt, aber deren Verbindung gekappt wurde.

Eröffnung heute, 19 Uhr, bis 15.11., mi – so 11 – 18 Uhr, Tel. 02351/ 171 496,

www.luedenscheid.de

Quelle: wa.de

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