Die Städtische Galerie Iserlohn zeigt die Fotos von Max Scheler

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Werbende Blicke für ein brisantes Produkt: Max Schelers Bild „Atombunker zu verkaufen“, Los Angeles 1961, ist in der Iserlohner Ausstellung zu sehen.

Von Ralf Stiftel ISERLOHN - Blonde Badenixen strahlen den Besucher vom Pool her an. Im Hintergrund verhandeln die Herren, korrekt mit Krawatte, über die harten Fakten. Auch ein ernsthaftes Geschäft darf ruhig etwas gefällig aussehen. Der Fotograf Max Scheler nahm 1961 in Los Angeles den Händler auf, der Atombunker anbot.

Das Bild ist in der Städtischen Galerie Iserlohn zu sehen, die eine Werkschau des Fotografen zeigt. Rund 150 Aufnahmen führen den Besucher von „Max Scheler – Fotografien. Von Konrad A. bis Jackie O.“ vor allem zurück in die 1960er Jahre. Der Titel ist dabei Programm: Scheler war an vielen Brennpunkten der Zeitgeschichte. Und so sieht man nicht nur witzige Schnappschüsse und Situationskomik, sondern auch einzigartige Dokumente. So war Scheler 1972 bei den Olympischen Spielen in München, als palästinensische Terroristen die israelische Mannschaft als Geiseln nahmen. Die Behörden versagten kläglich bei ihren Befreiungsversuchen, unter anderem versäumten sie, den Tatort vor den Medien abzuriegeln und den Geiselnehmern den Strom abzustellen. So waren die Täter via Radio und Fernsehen ständig über das im Bilde, was die Polizei unternahm. Scheler fotografierte zwei Sondereinsatzkräfte mit Maschinenpistolen.

Max Schelers gleichnamiger Vater war ein berühmter philosoph. Der Fotograf wurde 1928 geboren, studierte zunächst Philosophie und Kunstgeschichte. 1941 lernte er den Fotografen Herbert List in München kennen und wurde zunächst dessen Assistent. Ab 1949 veröffentlichte er eigene Bilder. 1951 zog Scheler nach Paris und wurde Junior-Mitglied der Agentur Magnum. Die Mitarbeit beendete er fünf Jahre später und arbeitete frei. In den 1960er Jahren prägte er mit Kollegen wie Stefan Moses das Erscheinungsbild des „Stern“. Bis 1975, als er aufhörte zu fotografieren und die Zeitschrift „Geo“ gründete, deren Bildchef er bis 1992 war. 2003 ist er in Hamburg gestorben.

Schelers Schaffen steht für die späte Blütezeit der Foto-Reportage. Die Schau zeigt Aufnahmen aus dem geteilten Deutschland, aus den USA und aus China. Scheler arbeitete global, aber diese klaren Schwerpunkte machen die Ausstellung übersichtlich.

Die frühesten Fotos entstanden bei einer Reportage 1950 in München über Kaminkehrer. Eine Aufnahme zeigt drei Kaminkehrer auf einem Dach, eine Art Ballett der schwarzen Männer. Schon das ist hinreißend. Viele seiner Bilder kombinieren diese ästhetischen Qualitäten mit dem wachen Blick für den Alltag und soziale Probleme. Scheler besuchte die Bergbaugebiete im Saarland und im Ruhrgebiet. Eindringlich zeigt er zum Beispiel die vom Kohlenstaub geschwärzten Kumpel in der Kaue in Gelsenkirchen (1958). Und er dokumentiert frühe Demonstrationen gegen Zechenschließungen.

Er hat Politiker fotografiert, zum Beispiel in einer sehr nah gesetzten Porträtstudie von Adenauer bei einer Wahlkampfrede. Den Wirtschaftsminister Ludwig Erhard nahm er in feudaler Pose auf, in einem Gartenstuhl mit Blick auf den Tegernsee sitzend (1958). Nah kam er dem US-Präsidenten John F. Kennedy, den er im Oval Office fotografierte. Er zeigt den Redner Martin Luther King im Schlaglicht am Mikrophon, und mit seiner Familie auf der Straße beim Kirchgang. Er lichtete den Republikaner Richard Nixon 1956 in Uniform ab, bei einem Kongress von Kriegsveteranen.

Schelers Porträts sind einfühlsam und psychologisch genau. Aber er verstand sich auch auf Momentaufnahmen und Symbolbilder. Wie trist sieht sein wohl heimlich über den Tisch aufgenommenes Bild aus der Imbissstube in Ost-Berlin aus mit dem Porträt Walter Ulbrichts im Hintergrund. In Shanghai fotografierte er in eine Straße. Im Vordergrund hat ein Mann seinen Sohn auf den Schultern, zum Greifen nah, und das Kind, mit der Flasche im Mund, wendet den Kopf, so dass wir mit ihm in das dichte Treiben schauen.

Max Scheler – Fotografie in der Städtischen Galerie Iserlohn.

Bis 7.7., mi – fr 15 – 19, sa 11 – 15, so 11 – 17 Uhr.

Tel. 02371/217 1970;

www.galerie-iserlohn.de

Katalog, Verlag Schirmer/Mosel, München, 35 Euro

Quelle: wa.de

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