Projekt „Stadt der Angst“ am Schauspiel Dortmund mit Stücken von Gogol und Sarah Kane

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Ein Spiel ums letzte Hemd: Szene aus dem „Revisor“ in Dortmund mit Julia Schubert, Bettina Lieder, Ekkehard Freye, Carlos Lobo, Uwe Schmieder und Eva Verena Müller (von links).

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Die sechs auf der Bühne, die sich runde Stabmasken vors Gesicht halten tragen, sitzen in einem Boot. Sie haben den Revisor zu fürchten, der diese Stadt heimsuchen wird. Darum sprechen sie den Text von Nicolai Gogols Komödie auch als Chor. Ein Kollektiv von Gleichgesinnten, Gleichbestechlichen und Gleichgekleideten, deren goldene Sakkos schon zeigen, dass sie einen Profit ergreifen können.

Regisseur Marcus Lobbes findet für die Satire des russischen Klassikers am Schauspiel Dortmund einen ebenso überraschenden wie überzeugenden Zugang. Bei ihm sind die Honoratioren der Provinzstadt ihrer skurrilen Eigenarten entkleidet, reduziert auf den Kern der Korruption. Wie sie an Tischen sitzen und an Wasser, Whisky oder Energydrink nippen, bilden sie perfekt jenen Filz ab, der an Orten wächst, wo die Macht lange in kleinen Zirkeln verwaltet wird.

Manchmal bricht das Kollektiv auf. Da schanzen sich die Akteure die Maske des Pantalone aus der Commedia dell’arte zu wie einen Schwarzen Peter, und wer sie abbekommt, tritt aus dem wohligwarmen Rudel als Einzelfigur, als der „Revisor“ hervor. Der ist in Wahrheit ein kleiner Gauner, der die Gunst der Stunde nutzt und sich seinerseits ordentlich schmieren lässt. In Naturalien: Die Provinzler stecken ihm keine Rubel zu, sondern Jacken, Schuhe, blutige Pflaster und selbst ihr letztes Hemd. Bis die Maske weiterwandert und der eben noch Gebende den Altkleiderhaufen an sich rafft. Ekkehard Freye, Bettina Lieder, Carlos Lobo, Eva Verena Müller, Julia Schubert und Uwe Schmieder finden wundervolle Varianten von Heuchelei und Verlogenheit. Und schon wenn sie zwischen der Rolle der Bürgermeistersfrau wechseln (aufrecht fistelnd) in die des gehörnten Gatten (zombiehaft vorgebeugt, dumpf nuschelnd), erkennt man Sinn und Vorzug dieser Besetzung. Von der Empore tönt die Entrüstung des gesunden Volksempfindens auf den so lächerlichen wie verächtlichen Haufen: Der Dortmunder Sprechchor wird zum, nicht völlig unbestechlichen, moralischen Über-Ich.

In seiner konsequenten Durcharbeitung bildet Lobbes’ Gogol-Deutung das Zentrum eines größeren Projekts. Das Schauspiel untersucht in der Reihe „Stadt der Angst“ Auswirkungen der gegenwärtigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung. Dem „Revisor“ stellt Lobbes die „Dramödie“ „Autschland d’amour“ eines gewissen Fred Hundt (ein Pseudonym des Regisseurs) voran. Aus reichlich Nebel treten uns Neandertaler und Prominenz von Dürer bis Boris Becker, von Luther bis Hitler entgegen. Dann persiflieren sie eine Oscar-Zeremonie, indem sie den „Autsch 2014“ vergeben. Der Text besteht aus diagnostischen Fragen, mit denen Psychologen einer Depression nachspüren. Freilich wird der Katalog mit allerlei anderen Fragen aufgefüllt. Und auf einer Leinwand gibt es zynische Plakate: „Aus Liebe zum Leben – die Chemotherapie“. Selbst vorzügliche Schauspieler wie Lobo und Schubert können dieser Sprech- und Bildflut keinen Spannungsbogen einziehen. Zehn Minuten davon wären ein angemessen witziges Vorspiel gewesen. Eine volle Stunde ist zuviel.

Unbedingt sehenswert allerdings ist, wie Schauspielchef Kay Voges Sarah Kanes „4.48 Psychose“ deutet. Die britische Dramatikerin (1971–1999) hat im letzten Text vor ihrem Selbstmord ihre Depression verarbeitet, und man hat kein Drama, sondern eher ein langes, ebenso analytisches wie fiebrig-poetisches Gedicht. Voges lässt es von Björn Gabriel, Uwe Rohbeck und Merle Wasmuth sprechen. Sie sitzen in einem Kubus, auf dessen transparente Hülle Videos und Screenshots projiziert werden. Mit Programmierern des Chaostreff Dortmund e.V., dem Musiker Tommy Finke und dem Filmer Mario Simon wurde eine Technik entwickelt, bei der Körperwerte wie Herzschlag, Atemfrequenz und Körpertemperatur der Akteure abgenommen und in Videomaterial umgesetzt werden.

Um 4 Uhr 48, so der Text, ist die Wirkung der Medikamente am geringsten, der Geist am klarsten. Die Schichten dieser Multimediaarbeit vermitteln sehr präzise und nachvollziehbar die Fragen ans eigene Ich, danach, was ein Individuum ausmacht. Gibt es 21 Gramm Seele, die beim Sterben verschwinden? Furios behaupten sich die drei Darsteller gegen den massiven Apparat, und obwohl starke Mittel wie Lichtexplosionen, Musik von Wagner und Mozart, Kunstblut und Schreie eingesetzt werden, rutscht die Inszenierung nie ins Plakative ab. Wenn sie da von Liebe und Verzweifelung sprechen, berühren den Zuschauer am Ende doch die Menschen.

Autschland/Revisor: 7., 30., 31.5., 8., 12., 27.6.,

4.48 Psychose: 22., 29.5., 28.6.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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