Sputnik Shipping Company beim Schauspiel Köln

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Buntes Treiben in einer gefliesten Kantine: Szene aus „Der Mann an Tisch 2“ in Köln. ▪

Von Eva Schäfers ▪ KÖLN–Die beiden schwarz maskierten Ganoven, eben noch Gäste, ballern in der Gaststätte mit ihren Pistolen herum. Plötzlich stürmt die zornentbrannte Lena die Treppe hinunter, reißt eine der Pistolen an sich, läuft Amok. Doch am Ende übertrumpft sie alle der schmächtige Taschendieb mit seiner Waffe: Peng, peng, peng, und die Angestellten und Gäste liegen tot auf dem Boden, rücklings, Beine und Arme wedelnd in der Luft. Eine Minute später stehen alle putzmunter wieder auf. Und auch die große Wanduhr setzt sich über die Regeln der Wirklichkeit hinweg. Immer wieder springt sie in ihrer Zeit vor oder zurück: Klingklong. Dong.

Ein witziger Geräuscheteppich (wie in alten Slapstickfilmen), akrobatische Einlagen, mitreißende Hits und darauf rhythmisch abgestimmte Bewegungen der Schauspieler – das sind die Elemente, mit denen der Regisseur Victor Bodó arbeitet, mit seiner freien Theatergruppe Sputnik Shipping Company aus Budapest. „Der Mann am Tisch 2“ heißt ihre neueste Produktion, in der Kölner Halle Kalk uraufgeführt. Auch vier Schauspieler des Kölner Schauspiels hatten den Mut, bei der sehr körperbetonten Inszenierung mitzuspielen.

Der Schauplatz von „Transit“, ihre ebenso surreal verfremdete, letzte Kölner Produktion (2008), war eine Flughafenlounge von klinischer Sauberkeit. In einer schummrigen, leicht verwahrlosten Gaststätte spielt dagegen „Der Mann am Tisch 2“: Kantinentheke, kleine Tische, weiße Wandfliesen (Bühne von Pascal Raich). Ihr Schauplatz spielt keine Rolle, aber zeitlich ist die Produktion, schon musikalisch, in den 60er Jahren angesiedelt. Zusammen mit seinem Autor András Vinnai erzählt Victor Bodó kleine Geschichten – oder eher Bruchstücke davon – die sich im Laufe dieser fein durchkomponierten Inszenierung entfalten.

Gelangweilt warten der hemdsärmelige Koch (Gusztáv Molnar), die Kassiererin (Myriam Schröder) und der neue Küchengehilfe (Balázs Czukor) auf ihre Stammgäste. Und die sind alle reichlich eigenartig, vor allem die beiden Ganoven (Ferenc Tóth Simon, Murali Perumal) und der verschrobene Stefan (Torsten Peter Schnick), der sich als begabter Taschendieb entpuppt.

Das Erstaunliche nun aber dabei: alles wird ohne Sprache gezeigt. Selbst wenn sich Lena (Zita Téby) am großen Busen der Kassiererin (Myriam Schröder) ausheult, weil der Schuft Boris sie angeblich geschwängert und dann sitzengelassen hat, heult und schluchzt sie in einer musikalischen Phantasielautsprache, deren Töne ihre Erregungskurven fabelhaft transportieren. Die Kölner Zuschauer kichern und lachen.

Dabei entzündet sich die üppige Phantasie des Ensembles (die während der achtwöchigen Proben das Stück entwickelt haben) zum Beispiel am Kartoffelpüree der sehr eintönigen Gaststättenkost, das auch mal zur erotischen Skulpturmasse werden kann. Oder am Hut, der ja noch in den 60er Jahren zum Grüßen vom Kopf gelüpft wurde, und der hier aus Bosheit immer wieder vom Kopf gefegt wird. Der Pedant Walter vom Ordnungsamt (Jost Grix) schlägt einen Nagel in die Wand, um seinem Hut eine angemessene Garderoben-Hängung zu verschaffen. Später wird er die Gaststätte wegen Mangels an Sauberkeit schließen müssen, und wegen der Härte dieser von ihm angeordneten Zwangsmaßnahme dreht er dann durch. Seinen Hut stopft er in den Müll, und dann nimmt er das Kartoffelpüree von seinem Teller, verteilt es auf seinen Backen wie Rasierschaum, den er mit seinem Messerchen sorgfältig abstreift. Seinen Kaffee benutzt er wie ein feines Aftershave.

Esprit, bitterer Humor, eine Fülle an Einfällen – vor allem aber glänzt dieses Menschentheater durch die unbändige Spielfreude der ungarisch-kölschen Akteure.

4., 5., 11., 12., 13., 14., 15.5.,

Tel. 0221/ 221 284 00,

http://www.schauspielkoeln.de

Quelle: wa.de

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