Spoerlis „Sommernachtstraum“ in Essen

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Große Sprünge macht der Drahtzieher Puck (Wataru Shimizu) im Essener „Sommernachtstraum“. ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–In seinem „Sommernachtstraum“ erzählt Heinz Spoerli vom Bühnentraum. Für ihn üben die Tänzer, er ermöglicht ihnen den Übergang vom anonymen Probensaal in eine Handlung, in der sie Charakter annehmen. In Essen ist das Ballett des Starchoreografen aus Basel jetzt zu sehen.

Die Musik von Mendelssohn-Bartholdy, üppig und etwas markig gespielt von den Essener Philharmonikern unter Volker Perplies, wird kontrastiert durch minimal music. Steve Reichs motivische Loops und befeuernde Rhythmik (aus „Drummings“) treiben den ersten, an Forsythe-Werke erinnernden Teil an: Das Ensemble übt hinter einer transparenten Wand. Eine Tänzerin kommt heraus und streckt die Hände nach den Schatten aus; eine Anspielung an den Schlussmonolog des Puck. Die Tänzer kommen heraus, Rollen bilden sich, schon ist man im Wald. Später wird die Bühne wieder entpersonalisiert. Der Spiegel, den Tänzer zur Selbstkontrolle nutzen, wirft das Bild des Publikums zurück, es wird in die Reflexion einbezogen.

Im Wald suggerieren Urwaldfarben eine fremdartig lebendige Natur (Bühne Hans Schavernoch, Licht Martin Gebhardt). Spoerlis Elfen haben Menschengestalt, sind in ihrem Wesen jedoch eher Pflanze und Tier verwandt. Das Essener Ballettensemble hat gründlich an der Verwandlung gearbeitet. Die Choreografie verlangt den Männern viel ab. Die Essener entledigen sich ihrer Aufgabe sehr gut und setzen auch Spoerlis Natur-Bildsprache gut um: Die Männer heben Titania, die Feenkönigin (Barbora Kohoutková), empor, als öffne sich eine Blüte, um den Fruchtknoten zu enthüllen.

Kohoutková ist Gast für diese Produktion. Sie war bis 2008 bei John Neumeier in Hamburg, inzwischen unterrichtet sie hauptsächlich. Die Partie ist für die Tänzerin mit der kühlen Ausstrahlung kaum ein Problem; sie strahlt vor kalter Arroganz, die sie reizvoll bricht, als sie mit dem in einen Esel verwandelten Zettel spielt. Im Schlussteil, dem dreifachen Pas de deux zu Philip Glass‘ Violinkonzert, verschwimmen sie und ihr Oberon, Sergio Torrado, mit den anderen Paaren in einer verträumten Ballet-blanc-Atmosphäre.

Die traumhafte Stimmung bricht Spoerli, indem er eine Schauspieltruppe einführt. Die Essener Darsteller verlassen sich hauptsächlich auf die Wirkung der Zoten. Jeroen Engelsmann erfreut auch als Tänzer und vollführt possierliche Bocksprünge, um seiner Anbeterin zu entschlüpfen.

Xiyuan Bai, eigentlich als Gruppentänzerin verpflichtet, tanzt die Hermia mit dem aus anderen Spoerli-Balletten bekannten schmachtendem Sehnen an der Seite von Breno Bittencourt, Yulia Tsoi und Armen Hakobyan geben als Helena und Demetrius ein etwas kühleres Paar ab.

Der Star ist der hauseigene Solist Wataru Shimizu. Spoerlis Puck muss koboldhaft ungreifbar sein und, obwohl Oberon ihn herumschickt, den Eindruck vermitteln, dass er, Puck allein, die Fäden zieht. Shimizu schafft das wunderbar und nutzt die kraftraubende Partie, um die Flugphase seiner hohen Sprünge und seine kontrollierten Fünffachpirouetten zu präsentieren.

6., 7., 17., 22., 25.11., 2., 8.12., Tel. 0201/81 22 200,

http://www.aalto-ballett-theater.de

Quelle: wa.de

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