„spatien“ von Katharina Hinsberg im Duisburger Museum DKM

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In Linien verwandelter Raum: Die Arbeit „spatien“ von Katharina Hinsberg. ▪

Von Annette Kiehl ▪ DUISBURG–Es regnet Linien. Unzählige orangerote Papierfäden hängen von der Decke, tänzeln sachte in der Luft. Einige von ihnen sind bereits in sich verschlungen oder abgerissen. Zerknüllt liegen sie auf dem Boden in leuchtenden Papierhaufen aufgetürmt.

Man nähert sich diesem Kunstwerk vorsichtig, man will nichts kaputt machen oder die feinen Streifen durcheinander bringen. Doch dann tritt und taucht man in den Papierregen ein, läuft umher, schiebt und pustet die Gespinste zur Seite. Man betrachtet den Raum durch ein Netz aus Orange, während im Hintergrund leise asiatische Musik klingt. „spatien“, also Zwischenräume, nennt die Künstlerin Katharina Hinsberg diese Arbeit, und sie erforscht damit das Potenzial von Linien. Für die Installation im Museum DKM in Duisburg vermaß sie den Ausstellungsraum und ließ Papierstreifen fertigen, die in ihrer Flächensumme genau der Grundfläche des Zimmers entsprechen: 103,73 Quadratmeter. Dabei geht es Hinsberg darum, die künstlerischen Möglichkeiten der Linie auszutesten und ihre Beschränkungen möglichst zu durchbrechen. Bereits seit ihrem Kunststudium in München und Dresden konzentriert sie sich auf dieses Thema und sucht ausgehend von der Zeichnung nach neuen, freieren Formen.

So hat sich die 1967 geborene Kunstprofessorin der Hochschule Saar in den letzten Jahren mit Linieninstallationen einen Namen gemacht: sie schneidet Papier per Hand oder maschinell und fügt es zu raumfüllenden Linienskulpturen zusammen. Schließlich, so erklärt sie in einer ihrer akribischen Textanalysen, bedeutet der lateinische Begriff linea auch Faden, Schnur und Strich.

Die nun in Duisburg begehbaren „spatien“ fragen aber auch nach dem Entstehen der Kunst, nach ihrem Schöpfer und dem Zufall. Für diese dreidimensionale Zeichnung ließ Hinsberg das orangerote Seidenpapier von einer Maschine in fünf Millimeter breite und 70 Zentimeter lange Streifen schneiden, die wiederum aneinander geklebt wurden. Vor Ort im Museum entschied die Künstlerin dann aber ganz spontan, wo genau die Papierfäden an der Decke kleben sollen. Und wie das fragile Gespinst nach einigen Wochen und Monaten Ausstellungsdauer aussieht, ist noch unklar und kann von seiner Urheberin kaum mehr beeinflusst werden. Sicher ist nur: Dieser Linienregen ist vergänglich.

Katharina Hinsbergs „spatien“ geben dem Museum DKM, das in einem alten Bürogebäude nahe dem Duisburger Hauptbahnhof angesiedelt ist, ein neues, lebendiges Zentrum. Die Arbeit bildet mit ihrer optischen Leichtigkeit einen schönen Gegenpol zur Dauerausstellung „Linien stiller Schönheit“, die alte und zeitgenössische Kunst aus Ostasien und Ägypten, aber unter anderem auch Industriefotografie von Bernd und Hilla Becher zeigt.

Parallel zu Hinsbergs Installation sind Werke von Ai Weiwei aus der Sammlung von Dirk Krämer und Klaus Maas – die Initialen der Stifter bilden den Namen des Museums DKM – ausgestellt. Darunter sind acht Stühle aus der documenta XII-Aktion „Fairytale – 1001 Chairs“ des chinesischen Künstlers und die „Coloured Vases“: ein Ensemble aus 39 neolithischen Gefäßen, das Ai Weiwei als Protest gegen die chinesische Regierung mit Industriefarben grell bunt einfärbte. Gerade diese Arbeit fügt sich gut in die DKM-Sammlung ein, denn sich setzt sich sowohl mit der traditionellen chinesischen Kultur als auch mit der Kulturpolitik in seinem Heimatland auseinander. Ebenfalls zu sehen ist Ai Weiweis Videoarbeit „4851“, die an 4851 Kinder erinnert, die als Folge von Baumängeln bei einem Erdbeben ums Leben kamen. Die meditative Musik, die zur Auflistung ihrer Namen auf dem Bildschirm läuft, klingt beim Durchschreiten der „spatien“ im Hintergrund und begleitet ganz dezent bei der Erforschung des Zwischenraumes.

Bis 24. Oktober.

fr – mo 12 – 18 Uhr und nach Vereinbarung.

Tel.: 0203/93 55 54 799, http://www.museum-dkm.de

Quelle: wa.de

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