Soulsängerin Erykah Badu auf Dortmunds Music Week

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Erotisierende Stimme und sehr authentisch: Erykah Badu in Dortmund. ▪

Von Andreas Sträter ▪ DORTMUND–Ein Konzert von Erykah Badu geht so: Tief in die Knie, die Hände lässig in die hintere Jeanstasche, dann nach rechts und links wippen, zwischendurch die Augen schließen. Für die Ohren der 1400 Fans gibt es während der zweiten Open-Air-Veranstaltung bei der „Dortmunder Music Week“ eine gehörige Portion Soul, Jazz, Funk und eine Stimme, die ihresgleichen in dem Gewirr von zweitklassigen und überproduzierten R‘n‘B-Beats sucht. Ihrem Auftritt in Dortmund wohnt ein zeremonieller Zauber inne.

Erst spielt nur die Band, dann wird der Platz für die Diva geräumt. Fetzige Beats knallen über den Parkplatz zwischen Westfalenhallen und Fußballstadion. Dazwischen kündigen die Background-Sängerinnen immer die Königin an: „Badu, Badu, Badu“, klingt es fast lautmalerisch. Dann schleicht die 40 Jahre alte Texanerin von der linken Seite an den Mikrofonständer. Auf ihrem Kopf sitzt ein Indio-Zylinder, der aussieht wie ein Tirolerhut, ihren Körper hat sie ein dunkelblaues Poncho gewickelt, um ihren Hals baumelt eine schwere, silberne Halskette. „Elegant“, ruft eine Frau aus dem Publikum.

Die ersten Töne von Erykah Badu locken die Zuschauer ganz nah an die Bühne. „Ich weiß gar nicht, ob ich schon jemals auf diesem Teil der Erde war, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern“, erzählt die Diva, um gleich danach folgendes Lied anzustimmen: „Happy To See You Again“. Es wirkt, alle wippen weiter, Minuten später mischen sich funkige Beats in den gospeligen Opener.

Es ist ein Hauch des Überirdischen, der Erykah Badu umgibt. Musikkritiker haben die Badu einmal mit der verstorbenen Jazz-Sängerin Billie Holiday, der US-amerikanischen Bluessängerin Nina Simone oder Ella Fitzgerald verglichen. Dabei bleibt Badu immer Badu. Die texanische Künstlerin war auch Sprachrohr der Feministinnen. Schon als Jugendliche änderte Erica Abi Wright ihren Vornamen in Erykah um. Das „Kah“ am Ende stehe ihren Angaben zufolge für das fehlerlose „Innere selbst“. Außerhalb ihrer musikalischen Laufbahn engagiert sich Erykah sehr für ihre Charity-Organisation „Beautiful Love Incorporated Non Profit Development“, die sich den Jugendlichen in Dallas mit Musik-, Tanz-, Theater- und Kunstprojekten widmet.

Im Badu-typischen Hip-Hop-Mix präsentiert sie in Dortmund ihren Singlehit „On & On“ aus dem Jahre 1997 in einer extra langen Version. Für diesen starken Song hat sie einst einen Grammy erhalten. Kein Wunder. Musikalische Unterstützung erhält die Soulsängerin von einem Querflötenspieler. In den gelben, zuckenden Scheinwerfer ruft Badu unentwegt: „Come On! Come On!“. Dazu wird ein bisschen Kunstnebel auf die Bühne gesprüht, so dass sich das Scheinwerferlicht zu Kegeln formt. Vor allem für diese älteren Songs gibt es großen Applaus von dem Publikum, das den Autokennzeichen zufolge nach aus ganz Nordrhein-Westfalen nach Dortmund gekommen ist, um die Neo-Soul-Diva aus Amerika zu hören.

Zehnminütige Lieder sind keine Seltenheit bei dem Parkplatz-Konzert. Der graue Westfalenhallen-Vorplatz ist allerdings beim Ausflug in das Zauberreich der Badu schnell vergessen. Einige Lieder plätschern lässig dahin: Auf den Stühlen bleibt zum Beispiel ein Pärchen sitzen und küsst sich zur erotisierenden Stimme und Melodik der Badu. Mit dem Lied „Apple Tree (To Be Free)“ könnte jeder eine Party feiern, sogar der Würstchenverkäufer schnippt lässig mit den Fingern. Zwischendurch schrillt sie ein „Oh“ ins Mikrofon, das man in dieser bizarren Verfremdung sonst nur von Kirmes-Rekommandeuren kennt. Immer dann, wenn die Show an Tempo und Gangart verliert, überzeugt die Badu mit außergewöhnlichen Vocals.

Eigentlich aber überzeugt sie mit Authentizität, indem sie sich soundtechnisch auf die Wurzeln der Soul- und Hip-Hop-Bewegung besinnt.

Quelle: wa.de

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