Die Sopranistin Simone Kermes im Konzerthaus Dortmund

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Simone Kermes ▪

Von Elisabeth Elling ▪ DORTMUND–Die roten Locken beben, Rüschen wuchern aus der kniekurzen grausilbrigen Robe, und die Keilabsätze ihrer Pumps zwingen Simone Kermes auf die Zehenspitzen. Die Sopranistin verkörpert schon äußerlich die ganze exaltierte Pracht der Barockarien, die sie im Konzerthaus Dortmund singt. Und wie: Vehement und intensiv, mit außerordentlichem Stimmumfang und Farbenreichtum. Ihr Sopran ist kraftvoll und dabei höchst beweglich; er kullert, gurrt und gellt, wenn es sein muss. Ein hinreißendes Konzert, das auch getragen wird von der Begeisterung des Ensembles Le Musiche Nove unter Claudio Osele.

Die Arien, die Simone Kermes mit Le Musiche Nove auf zwei CDs eingespielt hat („Lava“, „Colori d‘Amore“, beide Sony), sind meist Wiederentdeckungen Oseles. Der Musikwissenschaftler, der Cecilia Bartoli bei deren Vivaldi- und „Opera-Proibita“-Alben beriet, hat für die Kermes die Literatur der Neapolitanische Schule durchforstet. Die Zeitgenossen Johann Sebastian Bachs waren im 18. Jahrhundert quasi die Gründerväter der Oper. Sie pflegten nicht die strenge Kunst des Kontrapunkts, sondern nahmen sich neue Freiheiten im Dienste der Affekte und der Empfindsamkeit.

Alessandro Scarlatti oder Giovanni Battista Pergolesi gehören zu den bekannteren Namen, Antonio Caldara oder Riccardo Broschi dagegen sind etwas für Spezialisten. Dabei ist gerade Broschis Arie des Epitides aus der Oper „Merope“ ein Höhepunkt. Ein Lamento, das bohrende Dissonanzen immer wieder vertiefen. Kermes raut ihre Stimme leicht auf, gewinnt jedem Da Capo eine andere Nuance von Zartheit und Trauer ab – und lässt ihre betörende Gestaltung ganz und gar natürlich klingen.

Solche Belebungen bewirkt sie auch bei all den anderen überhöhten Helden- und Herrschergestalten in ihren Ausnahmezuständen: Hier herrschen Not und Elend, dort Hass, Verachtung, Rachsucht. Die Librettisten zitieren dann am liebsten Sturm und Feuer herbei, die Komponisten wie Nicola Porpora oder Johann Adolf Hasse versteigen sich in furioseste Koloraturen, und Simone Kermes schwelgt in all dem Aufruhr. Sie flirtet mit dem Soloviolinisten Enrico Casazza, wippt im Takt und klopft mit dem Absatz auf den Bühnenboden, ein Fingerschnippen verkneift sie sich.

Und sie ist froh, als die acht Arien überstanden sind: „Ich gehe jetzt nicht immer raus und rein, denn ich habe diese Schuhe an“, sagt sie in den Applaus. Die Zugaben steht sie trotzdem noch durch.

Ab 30. April singt Simone Kermes an der Kölner Oper in Händels „Rinaldo“ die Partie der Armida.

Quelle: wa.de

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