Eurovision Song Contest: Hohe Töne, Gehüpfe und süße Omas

BAKU - Hohe Töne, Gehüpfe und süße Omas: Heute Abend fällt beim 57. Eurovision Song Contest in Baku die Entscheidung. Wir stellen Ihnen die 26 Beiträge im Schnelldurchlauf vor.

Von Ralf Stiftel

Was haben beim 57. Eurovision Song Contest die Beiträge aus Großbritannien, Norwegen, Spanien und Aserbaidschan gemeinsam? Komponisten aus Schweden. Man möchte vom Abba-Gen profitieren. Roman Lobs Lied hat ein englischer Jazzpianist geschrieben. Der Spielraum im Wettbewerb für charmante Unterschiede schrumpft. Am Ende findet sich doch die eine oder andere Perle im Einheitsklangbrei. Hier die 26 Starter im Schnelldurchlauf.

Alle Finalisten im Überblick

Eurovision Song Contest 2012: Sie singen im Finale

  • 1. Mit 76 wirft man nicht mehr die Beine, das hat Engelbert Humperdinck auch nicht nötig. Der Gentleman aus Großbritannien trägt das Walzerchen „Love Will Set You Free“ mit schnulzengeölter Würde vor.
  • 2. Die Gruppe Compact Disco aus Ungarn hat bei eBay einen unbenutzten Song von Depeche Mode erstanden. Etwas poliert, etwas frischen Lack drauf, und „Sound Of Our Hearts“ plätschert träge dahin. Man merkt fast nichts.
  • 3. Keine Scherze über gefährdetes Glas! Bestaunen wir lieber, wie Rona Nishliu aus Albanien ihrer Kehle Töne entlockt, die wir nicht für möglich hielten, und dann noch ein Register darüber sicher trifft. Das Klagelied „Suus“ geht nicht so leicht ins Ohr, aber die Inbrunst versteht man sofort.
  • 4. Trotz Augenbinde braucht Donny Montell aus Litauen keinen Behindertenbonus. Er meint es symbolisch. Sein Titel „Love Is Blind“ führt zurück in die Disco-Ära.
  • 5. Die Blonde im langen Schwarzen aus Bosnien-Herzegowina hat es nicht so mit Tanzen. Darum setzt sich Maya Sar für „Korake Ti Znam“ ans Klavier, simuliert ein paar Akkorde und träumt so vor uns hin.
  • 6. Selbst wenn das Lied doof ist, die dritten Zähne wackeln und manchmal auch die Stimmen: Die Omas aus Russland wärmen das Herz. Die Buranowskije Babuschki machen „Party for everybody“ um den Backofen herum, dass kein Auge und keine Kehle trocken bleibt.
  • 7. Seltsames aus Island haben Gréta Salóme und Jónsi mitgebracht. Er grummelt bei „Never Forget“ mit steinerner Miene vor sich hin. Später versucht sie, mit heftigem Fiedeln den Bann zu brechen. Dann schreiten sie Hand in Hand voran. Zu Tisch? In die Sauna? Vor den Altar? Rätsel der Insel!
  • 8. Vier Friseusen, die die Haare schön haben (und jede anders), hüpfen in knappsten Kleidchen um ihre Kollegin Ivi Adamou herum, die für ZypernLa La Love“ trällert.
  • 9. Die ersten 30 Sekunden von „Echo (You And I)“ sind ein Versprechen. Da schreit Anggun über ein Rockriff, ein Funkgroove nimmt Fahrt auf, und man freut sich auf einen starken Titel aus Frankreich. Dann entweicht die heiße Luft in endloser Pfeiferei. Es bleibt ein flauer Discomarsch.
  • 10. Nina Zilli trifft mit dem ersten Ton von „L'amore e femmina“ die Schwingungen der Seele. Dieser gutturale Soul. Der lässige Groove. Wer redet von Amy Winehouse? Nina Zilli hat Stil, hat Klasse und beschert Italien hoffentlich viele Punkte. „Boom, boom, boom.“
  • 11. Dass man ihnen zuhört, das wollen alle beim ESC in Baku. Ott Lepland hat aus dem Wunsch „Kuula“ gemacht, den Titel für Estland. Der junge Tenor kriegt die Konfirmandenpose am Mikrofon eindrucksvoll hin.
  • 12. Tooji sieht klasse aus und tanzt die coolsten Moves. Nicht zu vergessen sein tolles Aussehen. Und zu „Stay“ kann man tanzen. Wenn der Sexgott aus Norwegen auch noch singen könnte, wär's perfekt.
  • 13. Sabina Babayeva barmt in „When The Music Dies“ sehr professionell um verlorene Liebe. Der Titel für Aserbaidschan stammt vom schwedischen Team des Siegertitels von Düsseldorf für Ell/Nikki. Hat denn keiner ein Taschentuch?
  • 14. Sonst betrommeln Mandinga russische Sommergäste am Schwarzmeer-Ballermann. Nach Baku haben die kubanischen Gastarbeiter aus Rumänien aber noch einen Dudelsack und eine Sängerin mitgebracht, die mit „Zaleilah“ gute Laune verbreitet, bis der Bildschirm Sprünge bekommt.
  • 15. Ein Girlie trommelt los wie das Muppets-Tier, dann übernimmt die Blondine mit Gitarre und Kapitänsmütze. Soluna Samay aus Dänemark schluchzt und kiekst bei „Should've known better“ so munter, dass man ihr die Melancholie nicht glaubt.
  • 16. Eleftheria Eleftheriou aus Griechenland schwingt in „Aphrodisiac“ zu Stampfrhythmen und Bouzoukiklingeln die Locken. Ganz viele Luderposen hat sie sich bei Shakira abgeguckt. Aber am Ende scheint immer die Klassenbeste vom Athener Vorstadtlyceum durch.
  • 17. Für Schweden verlässt sich Loreen ganz auf sich, ihr Flatterkleid, Zwielicht und ganz viel Nordwind. „Euphoria“ ist Synthesizerwabern, hymnisches Gejaller und Ausdruckstanz.
  • 18. Zwischendrin bauen die Tänzer für Can Bonomo ein Schiff aus Stoffbahnen. Da darf er als fliegender Osmane für die Türkei sein „Love Me Back“ singen mit viel Sehnsucht zu orientalischen Rhythmen.
  • 19. Wenn sie dürfte, könnte Pastora Soler ganz anders. In Spanien werfen sie doch Stiere um, spießen Toreros in der Arena auf und tanzen die ganze Nacht Flamenco. „Quedáte Conmigo“ hat nichts von alledem. Der Seat 500 unter den Balladen.
  • 20. Karohemd, Bart, Knopf im Ohr, Dackelblick und schmachtende Stimme. Roman Lob hat alles, um kleinen Mädchen den Kopf zu verdrehen. Peinlich ist „Standing Still“ nicht. Aber doch ziemlich langweilig. Zu wenig für „Deutschland: Twelve points“.
  • 21. Zurück in der Disco: Für Malta tritt Kurt Calleja mit „This Is The Night“ an. Fete, Schwof, schräge Töne, und am Ende zünden die Bengalos. Dass bloß niemand eine Wiederholung fordert!
  • 22. Die Außerirdischen in Mazedonien müssen ein paar Tage lang allein zurechtkommen. Kaliopi, die Woman in Black, röhrt beim ESC „Crno I Belo“. Das Soloinstrument sieht nur aus wie eine Gitarre, in Wirklichkeit ist es ein Xgynokax von Alpha Centauri 3.
  • 23. Skandal beim Song Contest 2011: Die Zwillinge Jedward aus Irland wurden positiv getestet. Trotzdem gibt man ihnen in Baku eine zweite Chance mit „Waterline“. Der Entzug hat allerdings Nebenwirkungen: Zwanghaftes Grinsen. Nervöses Zucken. Dauerhüpfen. Und sie machen sich nass.
  • 24. Jetzt schmeicheln sich Violine und Hirtenflöte ins Ohr, und das große Orchester steht bereit. Für Serbien erinnert Zeljko Joksimovic mit „Nije Ljubav Stvar“ an die Zeit, als der ESC noch Grand Prix Eurovision de la Chanson hieß. Die alten Posen, die alten Melodien.
  • 25. Gaitana aus der Ukraine klingt nicht nur wie Tina Turner in Bestlaune, sie hat sich auch ihr Fetzenkleid ausgeliehen. Bei der vorgezogenen Fußball-EM-Empfangshymne „Be My Guest“ stoßen Männer in komischen Röcken in Nebelhörner.
  • 26. Pasha Parfeny ist mit Stiefeln und Lederschurz von der Postkutsche gesprungen. Seine Haremsdamen tragen die Sesselbezüge vom Sperrmüll auf. Aber bei „Lautar“ aus Moldau müssen die Augen einfach mal weghören. Die Blaskapelle schmettert, das Hackbrett pluckert, der Refrain geht ins Ohr, am Ende machen sie eine Polonäse. Fetziger Balkanpop.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare