Die Söhne Mannheims in der Kölnarena

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Stimmgewaltig: Xavier Naidoo (links) und Tino Oac von den Söhnen Mannheims sorgten für Gänsehaut. ▪

Von Tim Griese ▪ KÖLN–„Casino BRD“ haben die Söhne Mannheims ihre Tour genannt. Und so tragen die Bandmitglieder bei ihrem Auftritt in der Kölnarena zu Beginn auch stilecht Smoking und Fliege. „Rien ne va plus, Deutschland“, haucht eine Dame mit französischem Akzent aus den Boxen, bevor der Vorhang fällt. Nichts geht mehr – das gilt nicht für die Band. „Heute Nacht gehen wir auf die Barrikaden“, schreit Sänger Henning Wehland ins Mikrofon.

Rund zweieinhalb Stunden steht aber nicht nur die aktuelle Platte „Barrikaden von Eden“ im Mittelpunkt, dafür hat die Band in der Vergangenheit zu oft den Weg in die Single-Charts gefunden. Die großen Hits kommen aber erst später, zunächst lassen eingespielte Videos, Soloauftritte der Künstler und Umziehpausen, die sich mit denen eines Britney-Spears-Konzertes messen können, die Show wie ein Flickenteppich erscheinen und nehmen immer wieder die Fahrt raus. Es ist nun mal nicht leicht, bei 14 Musikern jedem genug Spielraum zu geben, sich zu entfalten und zu präsentieren.

Darunter leidet der Auftritt der Söhne Mannheims aber nur anfangs. Zu eindrucksvoll ist die musikalische Vielfalt, die die Mannheimer Kommune zu bieten hat: Ein schwerer Rockstampfer wechselt sich mit einer Turntable-Scratch-Show ab, auf die wiederum ein Schlagzeug-Gewitter folgt. Es gibt Rap- und Reggae-Einlagen, ein Bass-Solo und vieles mehr.

Rund und richtig gut wird das Konzert nach etwa einer Stunde, nachdem die Künstler das Publikum zum ersten Mal richtig begrüßen, der Smoking längst in der Garderobe hängt und auch die orange-farbenen Sträflingsoutfits ausgetauscht wurden. Die Söhne Mannheims sind warm gelaufen und flitzen im Freizeitlook über die große Bühne: „Unglaublich, dass ihr das Ding hier vollmacht“, zeigt sich Xavier Naidoo vom Besuch begeistert. „Habt ihr Lust, Party zu machen?“ fragt Sänger Tino Oac. Er kennt die Antwort.

Grelle Farben schießen auf die überdimensionale kreuzförmige Leinwand, dann ist Mitskandieren angesagt. Bei „Hier kommen die Söhne“ tobt die hauptsächlich aus Damenbesuch bestehende Menge. Bei „Lieder drüber singen“ tanzt Rapper und Rastamann Marlon B. wie eine Marionette aus der Augsburger Puppenkiste auf die Bühne und Henning Wehland kann aus H-Blockx-Zeiten noch einmal die Rockerpose aus der Mottenkiste holen. Das macht schon großen Spaß, erst recht, wenn die Band ihren Hit „Geh davon aus“ anstimmt und das eine Kreischorgie auslöst.

Ihr großes Potential entfachen die Söhne Mannheims aber bei den ruhigen Nummern. „Das hat die Welt noch nicht gesehn“ und „Vielleicht“ sind Gänsehautgaranten. Herausragend ist vor allem die intime Version von „Und wenn ein Lied“, das nur spärlich am Keyboard begleitet von Tino Oac und Xavier Naidoo vorgetragen wird. Stimmlich sind die beiden sicherlich die stärksten Musiker der Band. Die Handys werden in Massen gezückt und verwandeln die Halle in ein Mobilfunk-Lichtermeer.

Vor allem Oac tritt während des Gigs immer wieder in den Vordergrund, Naidoo dagegen hält sich dezent im Hintergrund. Bei den Söhnen Mannheims ist er nur ein Glied des Ganzen. Sympathisch. Stolz auf seine Jungs ist er trotzdem: „Wenn unsere Mütter wüssten, dass wir nicht beim Turnen sind, sondern eine so geile Band haben…“, flachst er und freut sich diebisch. Darf er.

Quelle: wa.de

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