Skulpturenschau „Vor dem Gesetz“ im Museum Ludwig

+
Überlebensgroß: Thomas Schüttes Skulptur „Vater Staat“ (2011) in Köln ▪

Von Ralf Stiftel ▪ KÖLN–Wuchtig ragt er auf, fast vier Meter hoch, eine Macht aus rotbraun gerostetem Stahl.

„Vater Staat“ nannte Thomas Schütte seine Skulptur eines Mannes, dessen Körper von einem Mantel verhüllt ist, so dass man nur den Kopf sieht, der ohne Gefühlsregung über die Museumsbesucherzwerge hinwegschaut. Zwischen dem Titel und der Arbeit von 2011 öffnet sich eine Kluft für viel Ironie. Der Künstler dachte bei dem Modell an den Minister Wolfgang Schäuble. Aber die Skulptur erschöpft sich nicht im Porträt, sucht nicht die schnelle Pointe der Karikatur. Schüttes kalte Tonne Metall strahlt Würde aus, bewahrt Haltung, nutzt die Mittel staatstragender Repräsentation. Der Witz ergibt sich hier aus der Reibung eines anachronistischen Politikkonzeptes an einer überlieferten, an der Renaissance orientierten Bildvorstellung.

Der „Vater Staat“ steht im Mittelpunkt der Ausstellung „Vor dem Gesetz“ im Kölner Museum Ludwig. Der scheidende Direktor Kasper König bezieht sich in seiner letzten programmatischen Schau auf die Erzählung von Franz Kafka, in der ein Mann vom Lande Zugang zum Gesetz sucht, aber von einem Türhüter immer wieder vertröstet wird, so dass er letztlich nie zum Gesetz kommt. Im Nachkriegsdeutschland wurden Texte wie diese quasi religiös gelesen, man übertrug Bilder daraus auf die eigene Befindlichkeit. Die vergebliche Existenz war geradezu eine Schlüsselmetapher. König geht es darum, künstlerische Stellungnahmen zum menschlichen Sein, zu Grundrechten, zu Sinnfragen zu versammeln. Lange hat er an der Realisierung gearbeitet. Die Stadt Köln musste sparen, so standen die Mittel für das aufwendige Projekt nicht zur Verfügung. Mit Sponsorenhilfe klappt es nun doch noch vor Königs Abgang 2012.

Der Museumsmann hat mit Klaus Bußmann 1976 die Skulptur.Projekte in Münster gegründet, und die Kölner Schau wirkt wie eine konzentrierte Innenraumversion dieser Unternehmung. 28 künstlerische Positionen werden vorgestellt, figurative Arbeiten aus der unmittelbaren Nachkriegszeit werden mit Gegenwartskunst konfrontiert. So treffen Klassiker wie Henry Moore, Alberto Giacometti, Joseph Beuys auf Pawel Althamer, Bruce Nauman und William Kentridge. Auch hier halten König und Co-Kurator Thomas D. Trummer aber alle Fragen offen. Jeder Künstler hat in den Oberlichtsälen, die sonst die Sammlung beherbergen, einen eigenen Raum, jede Arbeit steht für sich.

Das Pathos der Nachkriegszeit manifestierte sich in Denkmälern wie Ossip Zadkines zerspaltener Figur „La ville détruite“ (1947), die er der von deutschen Bombern ausradierten Stadt Rotterdam widmete. In Köln ist ein kleines Modell davon zu sehen, die ins monumentale ausgreifende Geste vermittelt sich trotzdem. Auch Marino Marinis Bronze „Miracolo“ (1953) zeigt erstarrte Bewegung in der Vertikalen, ein aufbäumendes Pferd mit kleinem Reiter. Der italienische Bildhauer weitet die biblische Wandlung des Saulus zum Paulus ins Allgemeinmenschliche. Henry Moores „Fallender Krieger“ (1956/57) zielt ebenfalls auf den dramatischen Moment, bietet eine Tragik, mit der der Betrachter sich identifizieren kann.

Die jüngeren Künstler sind weniger eindeutig. Der in Hamm geborene documenta-Teilnehmer Andreas Siekmann bietet in seiner Installation „Dante und Vergil gehen durch die Welt“ (2011) einen grafischen Essay über Migration und das Ausschließen von Menschen, Polizeikräfte, die Demonstranten einkesseln und aufbegehrende Flüchtlinge in Lagern zurückhalten. Auch hier soll im Betrachter eine Reaktion ausgelöst werden, aber nicht über Emotionen, sondern mit eher dokumentarischen Mitteln.

Der US-Videokünstler Paul Chan zeigt in „Sade for Sade's Sake“ (2009) eine fast sechsstündige, wandfüllende Projektion, die mal harmlos bunte geometrische Felder bietet, dann in der Anmutung von Scherenschnitten aber menschliche Silhouetten, die einander in einer Gruppenkopulation penetrieren, wobei das Zittern der Erregung den Eindruck von Verkrampfungen weckt. Quälend direkter Sex wirkt wie eine verzweifelte Zwangshandlung.

Gleich zwei Arbeiten setzen sich mit Rodins „Bürgern von Calais“ auseinander. Die Fotografin Candida Höfer lichtete die zwölf Abgüsse des berühmten Denkmals in internationalen Museen ab und zeigt, wie stark die Aufstellung die Wirkung der Plastik bestimmt. Der polnische Künstler Pawel Althamer zeigt mit den „Brodno People“ eine Neuinterpretation des Themas, bei der Rodins historische Figuren durch Gestalten aus modernen Abfallmaterialien ersetzt wurden. Der pathetische Gestus des Gedenkens wird ersetzt durch eine verspielte Scienc-Fiction-Anmutung.

Vieles gibt es noch zu sehen in der vorzüglichen Schau: Vertraute Klassiker wie Bruce Naumans „Carousel“ (1988), bei dem sich Abgüsse geschundener Tierkörper im Kreise drehen. Gegen diesen Schocker steht dann die sanfte Poesie von Karla Blacks Raum „Nature Does The Easiest Thing“ (2011) mit einem Teppich aus Gipspulver und pastellfarbenen Pigmenten, abgegrenzt mit Plastikbändern, ein überaus empfindlicher und unbetretbarer Spielraum für Gefühle.

Vor dem Gesetz im Museum Ludwig, Köln. Bis 22.4.2012. di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221/ 221 26 165, http://www.museum-ludwig.de, Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, 24,80 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare