Skulpturen von Tony Cragg in der Küppersmühle Duisburg

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Die Skulptur „Woman‘s Head“ (2007) von Tony Cragg ist in der Duisburger Ausstellung zu sehen. ▪

Von Annette Kiehl ▪ DUISBURG–Die schwarze Bronzeskulptur horcht in den Raum hinein. Sie dehnt sich wie warmer Wachs in verschiedene Richtungen aus, quillt förmlich in ihre Umgebung, macht sich breit. Und sie lauscht: An den Ausstülpungen der „Mental Landscape“ (2007) entdeckt man kleine, filigran gearbeitete Ohren – die Antennen der Skulptur.

Ganz sinnlich und mitunter zurückhaltend komisch erscheinen Tony Craggs Werke, dabei basieren sie auf einer wissenschaftlich geprägten Auseinandersetzung mit der Bildhauerei. „Soll ich so oder so weitermachen?“, frage er sich bei der Arbeit oft, sagte Cragg in einem Interview und beschreibt den künstlerischen Prozess als eine Kette von Entscheidungen. Das Museum Küppersmühle stellt die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen in einer großen Retrospektive vor: „Anthony Cragg – Dinge im Kopf“.

Die Schau, die Cragg intensiv mitgestaltete, gibt erstmals einen Überblick der fast 40-jährigen Schaffensphase des in Wuppertal lebenden Briten und stellt ältere und neue Arbeiten gegenüber: Die von der britischen Land Art beeinflussten frühen Arbeiten, die Objekte aus Fundstücken, die technisch anmutenden Skulpturen der letzten Jahre.

Gemeinsam haben sie den genauen Blick auf den Stoff: welche Energie, welche Potenziale hat dieser? Als „im besten Sinne zwecklose Verwendung von Materialien“, beschreibt Cragg die Bildhauerei und deutet auf die Freiheit des Künstlers, aus jeglichem Material ein Stück ohne Nutzfaktor zu formen.

Man spürt, dass er diese Kunstform ernst nimmt und an sie glaubt. Gerade deshalb schöpft Cragg ihre Möglichkeiten aus. Seine Skulpturen dehnen sich voluminös und schwer in alle Dimensionen aus, widersetzen sich der schnellen Einordnung und auch der praktischen Handhabung. Die Bildhauerei sei in den vergangenen Jahren so klein und handlich geworden, kritisierte Cragg, der seit 2009 Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie ist, vor ein paar Jahren. Dem wolle er etwas Großes entgegensetzen.

Gerade Craggs Werke der vergangenen Jahren strotzen vor Kraft und bestimmen die Ausstellungsflächen. Der „Elbow“ (2010) zum Beispiel, eine rund 2,5 Meter hohe, einen Meter breite und 4,3 Meter tiefe Skulptur, die wie ein Blitz durch den Raum zuckt: Herausstechende Konturen und Ausbuchtungen fügen sich zu eine Art Dreieck zusammen. Doch dieser „Elbow“ (Ellbogen) ist mehr als ein Abbild. Die Skulptur strahlt eine fast spürbare Vibration aus. In ihr steckt Bewegung, ja ein rumorender Kern, der sein Wesen vielleicht erst noch preis gibt. Die Wirkung beruht auf dem Material, den Holzschichten, aus denen „Elbow“ zusammengefügt wurde. Die unregelmäßige Farbe der Maserungen deutet auf die Geschichte, das Gedächtnis dieses Stoffes.

Hier liegt der Ursprung von Craggs Werken. Offensichtlich ist das gerade bei den frühen Arbeiten: Flaschen, Tisch und Stuhl oder auch einen Kondensator nutzte der in London ausgebildete Labortechniker und Künstler damals als Ausgangspunkt für den bildhauerischen Prozess. Experimentierfreudig, doch nie beliebig ging und geht er dabei vor. Er verbindet Form und Material mit einer schlüssigen Logik und schafft so eine charakteristische Skulptur.

Das Wandrelief „Riot“ (1987) aus Plastikmüll, zum Beispiel. Wie ein Sammelsurium wirkt es zunächst, aber der bunte Müll ist genau ausgewählt und platziert. Er fügt sich zu einem dynamischen Bild einer aufgeregten Menschenmasse zusammen. Das zerstörte Material – billige Feuerzeuge, verbeulte Frisbees, abgebrochene Bürsten – unterstreicht die Aggression dieser Szene. Doch die leuchtenden Farben der Objekte verleihen dem Bild auch eine Poesie und Sinnhaftigkeit. Aus Altem entsteht Neues, die Energie der Dinge ist nicht verloren.

Bis 13. Juni, Katalog 28 Euro, mi 14-18 Uhr, do – so 11 – 18 Uhr. Tel.: 0203/30194810, http://www.museum-kueppersmuehle.de.

Quelle: wa.de

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