Skulpturen von Michael Sailstorfer in der Kunsthalle Recklinghausen

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Eine Skulptur, die wächst und wächst: Michael Sailstorfers „Popcornmaschine“ ist in Recklinghausen zu sehen.

RECKLINGHAUSEN - Süßlich duftet es durch die Kunsthalle Recklinghausen. Auf ein Fließband tropfen aus einem Behälter Maiskörner. Sie gleiten unter Gasbrennern hindurch und springen knisternd auf zu Popcorn. Manche der weißen Flocken hüpfen wild in den Raum. Die meisten aber fallen auf den Haufen am Ende des Fließbands. Hier war Michael Sailstorfer am Werk.

Der Künstler, 1979 im niederbayrischen Velden geboren, gewann 2011 den Kunstpreis „junger westen“ der Stadt Recklinghausen. Er blieb dem Ruhrgebiet verbunden. Für die Emscherkunst schuf er die Skulptur „Antiherbst“, die am Rheinufer bei Duisburg zu sehen ist. Begleitend zeigt die Kunsthalle Recklinghausen die Ausstellung „Young West“ mit einer Auswahl seiner Werke. Die „Popcornmaschine 1:43-47“ (2012) gehört dazu. Sie besticht durch ihre sinnliche Präsenz. Man sieht nicht nur, man hört und riecht auch. Aber in ihr realisiert Sailstorfer auch einen zentralen Aspekt von Skulptur, die Präsenz von Körpern im Raum. Der Titel spricht es an: Das Maiskorn dehnt sich in der Umwandlung zu Popcorn auf das 43- bis 47-Fache seiner Größe aus.

Sailstorfer arbeitet gern mit Irritationen der Sinne und Umkehrungen, und er spielt mit unserer Naturwahrnehmung. Für „Antiherbst“ ließ er alle abfallenden Blätter eines Baums aufsammeln und neu befestigen. Das Ergebnis filmte er. Bei der Emscherkunst-Arbeit sieht man das Video, in dem der Baum der Jahreszeit trotzt, in einem Bauwagen direkt vor der Pflanze. In Recklinghausen hängen zwölf Fotos daraus an der Wand, wie bei einem altmeisterlichen Monatsbild-Zyklus. Ein anderes Foto dokumentiert seine Arbeit „Schwarzwald“, bei der er in den Wald einen Kubus malte, also in einem vorgegebenen Raum Boden und Pflanzenteile einschwärzte. Diese künstliche Sphäre ließ er dann überwuchern. In der großen Video-Installation „Raketenbäume“ (2008) im Obergeschoss geht er weniger rücksichtsvoll mit den Bäumen um: Er sprengt sie in die Luft. Auf fünf Leinwänden sieht man sie in Endlosschleife immer wieder aufschießen. Vielleicht ist das aber auch eine Befreiung, vielleicht wollen Bäume ja gerne fliegen, und sei es nur ein einziges Mal?

Sailstorfer wirkt in vielen Arbeiten verspielt wie ein Kind. Aber seine Kunst entfaltet, wenn man sich auf sie einlässt, eine geradezu romantische Poesie. Der Kampf gegen die Jahreszeit und die Schwerkraft drückt ja bei aller Vergeblichkeit und der damit verbundenen Komik auch eine tiefe Sehnsucht aus, die Welt zu verbessern. Und zugleich erweist er sich als ein herrlich eigensinniger Anarchist. Darum verarbeitet er die Reste von Polizeiuniformen zu einem Teppich. Und darum präsentiert er sich auf dem Foto mit einem roten „Nasenwärmer“ (2004) wie ein Clown. Lachen erlaubt.

Staunenswert ist die Präzision, mit der der Künstler seine Arbeiten realisiert. Wie zum Beispiel die Schläuche von Lkw-Reifen ineinander geflochten werden, um eine schwarze Wolke zu bilden. Mit den „Clouds“ (2010) wurde seinerzeit der Neubau der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf eröffnet. In Recklinghausen hängt nur eine schwer unter der Decke, entfaltet aber gleichwohl ihren düsteren Zauber.

Für die „Kunstmeile“, eine ehemalige Zechenbahntrasse in Recklinghausen, hat die Stadt einen Gestaltungswettbewerb ausgeschrieben. Sailstorfers Entwurf hat gewonnen: Er plant, „Mückenhäuser“ um die Wegbeleuchtung anzulegen, Gerüste mit Stoffverkleidung, die den Insekten, die das Licht anlockt, einen Unterschlupf gewähren. - Von Ralf Stiftel

Bis 29.9., di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02361 / 50 19 31, www.kunst-re.de

Quelle: wa.de

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