Skulpturen der Lobi im Museum Glaskasten Marl

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Eine Holzskulptur der Lobi, zu sehen in Marl. ▪

Von Marion Gay ▪ MARL–Das Gesicht ist klein unter dem Hut, der Mund zur Schnute geschoben. Die Brüste liegen auf der Schulter, der Bauch ragt vor wie ein Dreieck und die Beine sind zu dick für die schmale Figur. Stolz steht die Holzskulptur da, ohne sich um die richtigen Proportionen zu scheren.

Das Skulpturenmuseum Glaskasten in Marl präsentiert rund 150 Skulpturen der Lobi, einer Ethnie, die an der Elfenbeinküste, in Burkina Faso und in Ghana lebt. Die Arbeiten sind Leihgaben aus mehreren deutschen Privatsammlungen. Nach der Ausstellung von Skulpturen aus dem Königreich Dahomey im Jahr 2008 ist es die zweite Schau im Glaskasten, die sich afrikanischer Kunst widmet: „Skulpturen der Lobi“.

Die Lobi sind Ackerbauern, die weiterziehen, wenn der Boden nichts mehr hergibt. Wie andere altafrikanische Volksgruppen glauben die Lobi an einen Schöpfergott, der sich von ihnen abwandte, als sie seine Gesetze brachen. Um sie aber nicht allein zu lassen, stellte er ihnen die „thila“ zur Seite – unsichtbare, mit übermenschlichen Kräften versehene Wesen, die als Vermittler zwischen Gott und den Menschen stehen. Die thila beschützen die Menschen aber nur, wenn ihre Wünsche respektiert werden, die wiederum von Wahrsagern übermittelt werden. Hier kommen nun die Figuren ins Spiel, die meist aus Holz geschnitzt werden, seltener aus Terrakotta oder Gelbguss sind, und von den Lobi „bateba“ genannt werden. Sie stellen Geister dar, die gegen das Böse schützen, von Krankheiten heilen oder Schwangerschaften bringen.

Da die Skulpturen der Lobi erst spät in Europa bekannt wurden und sich überwiegend in Privatsammlungen befinden, sind sie selten in Museen zu sehen. So gab es in den letzten dreißig Jahren im deutschsprachigen Raum nur zwei Ausstellungen, die ausschließlich Arbeiten der Lobi zeigten – 1981 in Zürich und 2000 in Graz.

Die Ausstellung in Marl beeindruckt mit der Vielfalt der unterschiedlichen batebas, vor allem menschliche Einzelfiguren, aber auch Paardarstellungen, Mutter-und-Kind-Figuren, Köpfe, Tiere und gestaltete Wander-und Zeremonienstäbe.

Zu sehen sind beispielsweise große Figuren aus Weichholz, die im Freien auf Dorf-altären gestanden haben. Sie verwittern schnell und werden von Termiten ausgehöhlt, müssen aber ohnehin alle zwei bis drei Jahre durch neue Figuren ersetzt werden, um dauerhaft Schaden vom Dorf fernzuhalten. Dagegen wirken einige der kaum mehr als fingergroßen Figuren beinah wie neu. Sie stammen meist aus dem Korb eines Wahrsagers, der die Figuren immer wieder in den Händen reibt, um daraus Orakel zu lesen. Eine kleine Figur hat ein Loch im Arm. Vermutlich baumelte sie als Amulett am Hals eines Kindes. Sitzende mit ausgesteckten Beinen wurden geschnitzt, um Kranke zu heilen.

Einige der Skulpturen tragen Spuren von Opferungen. Sie wurden mit Hirsebier, Schnaps und Hühnerblut begossen, manche täglich, andere einmal im Jahr, so, wie es der Wahrsager oder „Fetischeur“ je nach Größe des abzuwendenden Schadens anordnete.

Bei den Lobi gibt es traditionell keine Schnitzwerkstätten. Man unterbricht einfach seine Arbeit auf dem Acker und fertigt eine Figur, wenn es erforderlich ist. Dabei geht es nicht um anatomische Genauigkeit. Arme und Beine sind mal zu kurz, mal zu lang, die Füße klobig, die Körper eckig. Besonders beeindruckend sind die Figuren mit den verschobenen Gesichtern, bei denen die Ohren auf den Wangen sitzen oder wie Hörner vom Kopf ragen, die Brauen sich wie Brillen um die Augen schließen.

Interessant auch die Janusköpfigen Figurenpaare, die sich gleichzeitig einander zuwenden und abwenden. Dabei verdeutlicht die Ausstellung, welchen Einfluss die afrikanische Kunst auf die europäischen Künstler der klassischen Moderne hatte. Die kubistisch aufgefächerte Figur könnte aus einem Gemälde von Picasso stammen, der trotzig dreinblickende Vogel von Max Ernst sein, der Hahn gegenüber sieht aus wie ein Werk von Mataré.

Die Schau

Exotischer Ausflug in die Kulturgeschichte Westafrikas.

Die Skulpturen der Lobi im Museum Glaskasten Marl.

Bis 29. Mai; di – so 10 bis 18 Uhr, Katalog 20 Euro; Tel. 02365/ 992257; http://www.marl.de/skulpturenmuseum

Quelle: wa.de

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