Skulpturale Collagen im Museum Morsbroich Leverkusen

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Täuschend: Ein „Misfit“ (Bulldogge/Schafskopf) von Thomas Grünfeld, zu sehen in Leverkusen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ LEVERKUSEN–Einfach grotesk, dieses Geschöpf in der Ecke des Museums Morsbroich in Leverkusen. Zuerst denkt man an einen kleinen, aber kompakten bösartigen Kläffer. Doch die Bulldogge blickt sanft aus Schafsaugen. Thomas Grünfeld erfindet „Misfits“, tierische Außenseiter. Ein Präparator führte die Kombinationen über Artgrenzen hinweg so täuschend aus, dass der Betrachter keine Brüche findet. Das kleine Geschöpf ist eine Collage, Stückwerk, aber nicht aus Papier und Klebstoff, sondern als lebensechte Skulptur.

Darum geht es in der Ausstellung „Schnitte im Raum – skulpturale Collagen“, die Fritz Emslander und Museumsdirektor Markus Heinzelmann kuratiert haben. Mit sieben Positionen zeigen sie, wie das kompilierende, verfremdende, montierende Denken dreidimensional umgesetzt wird. Es ergibt sich ein anregender Rundgang, der von eher konzeptuellen, abstrakten Ansätzen bis zu den Mischtieren reicht. Kurator Emslander sieht durchaus einen Trend in der aktuellen Kunst zur skulpturalen Collage, den die erfreulich konzentrierte Schau eher andeutet.

Grünfeld fügt den Kopf des Pitbulls auf den ruhenden Leib des scheuen Rehkitzes. Das entwaffnet jede Kampfhundassoziation. Dieses Geschöpf kennt keine Aggression, es scheint melancholisch zu blicken. Virtuos sind auch hier alle Übergänge verschleiert, selbst die Fellfarbe scheint zu passen. Auf Fohlenbeinen steht ein weiteres Misfit, der Rumpf stammt vom Nutria, und über den Stummelpfötchen erhebt sich der lange Hals eines schwarz gefiederten Schwans. Die Collagen des in Köln lebenden Künstlers sind mehr als skurrile Späße, und sie illustrieren auch nicht einfach die Ängste vor der Gentechnik. Grünfeld zeigt das Paradoxe als Gegenbild zur Realität: Seine Kunstwesen sind verletzlich und einsam. Sie wecken unweigerlich Gefühle im Betrachter.

Tiere spielen mehrfach eine wichtige Rolle in der Schau. Kurator Emslander betont, dass für die Schau keine Tiere verletzt oder getötet wurden. Björn Braun macht sie zu Mitarbeitern. Er gibt den Zebrafinken in seinem Atelier Fetzen von Plastiktüten, Kunstfasern, Alufolie und andere Zivilisationsstoffe, und die eifrigen Vögel bauen damit Nester, die er ausstellt. Der 1979 in Berlin geborene Künstler ist ein Virtuose des Recycling und des effizienten Umgangs mit Material. Viele seiner Arbeiten haben eine Verwandlung durchlaufen. So hat er aus gefundenen Vogelnestern Pappmaché gemacht in Form eines Eierkartons. In dieses neue Nest legt er nun das kleine, getüpfelte Singvogelgelege. Und die fehlenden Bohlen einer Sitzbank sind nicht einfach verloren. Aus ihnen schuf er das handgeschöpfte Papier, das man von der Bank aus betrachtet. Zerlegen und neu zusammensetzen, das ist eine klassische Collagemethode.

Humor gehört zur Collage, schon bei den Surrealisten. In einem Salon mit Hundeknochentapete begrüßt den Besucher der „Wedler“ von Thorsten Brinkmann, eine Maschine, die einen vom Bewegungsmelder gesteuerten Hundeschwanz rotieren lässt. Brinkmann montiert Fundsachen zu opulenten Raumensembles, die an prächtige Palastsäle denken lassen, mit monumentalen Fotos an der Wand, die wie Herrscherporträts daherkommen.

Welch Kontrast zu den ebenfalls bunten Objektbildern von Jessica Stockholder. Die Werke der Amerikanerin wirken durch die Materialien durchaus erzählerisch: Man erkennt Plastikkisten mit Rollen, Bilderrahmen, Einkaufsnetze und Stehlampen. Aber das fügt allein der Geist des Betrachters hinzu. Die unbetitelten Ensembles sollen bloß Raum, Farbe, Struktur ausdrücken. Die größte Arbeit zeichnet eine Fließbewegung, eine Art Eruption aus dem Bilderrahmen an der Wand auf den Boden. Eine weitere Arbeit legt Tabletts, ein Ölbild und Teppichteile vor eine Stehlampe, und erkennt ein wunderbares Vexierspiel, weil über die Grenzen der Stoffe ein buntes Quadrat definiert wird.

Schnitte im Raum – Skulpturale Collagen im Museum Morsbroich, Leverkusen. Bis 21.8., di – so 11 – 17, do bis 21 Uhr,

Tel. 0214/ 85 55 60,

http://www.museum-morsbroich.de

Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 25 Euro

Quelle: wa.de

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