„Sjonni‘s Friends“ aus Island singen für toten Freund

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Wollen ihre Chance nutzen: Die isländische Gruppe „Sjonni‘s Friends“ mit der Witwe des Komponisten „Sjonni“ Brink, Thorunn Erna Clausen, bereiten sich auf den Eurovision Song Context in Düsseldorf vor. ▪

Von Dominic Rieder ▪ DÜSSELDORF–Scheinwerfer tauchen die kreisrunde, 13 Meter breite Bühne in ein ruhiges violettes Licht, der Ton läuft, die Kamera auch. Es ist Probenzeit beim Eurovision Song Contest in der Düsseldorfer Arena. Sechs gut gelaunte Musiker aus Island in legerem Outfit mit Jeans, weißem Hemd und grauer Weste singen routiniert ihr Lied „Coming Home” („Nach Hause kommen”). Das entspannt-erdige Stück Gitarren-Pop von „Sjonni‘s Friends“ erinnert an die Olsen Brothers – ein fröhliches Lied, das seine traurige Hintergrundgeschichte nicht erahnen lässt.

Ursprünglich sollte der Beitrag von der Vulkaninsel von nur einem Interpreten gesungen werden: Komponist Sigurjon „Sjonni” Brink. Am 17. Januar, wenige Wochen vor der isländischen Vorentscheidung, sitzt Brink daheim und geht wie gewohnt seiner großen Leidenschaft nach: Er arbeitet an seinen Songs – bis er urplötzlich einen Hirnschlag erleidet. Tot – von einer Sekunde auf die andere, mit gerade einmal 36 Jahren.

Gefasst und tapfer erzählt Witwe und Mitkomponistin Thorunn Erna Clausen bei der Pressekonferenz im Anschluss an die Probe von dem schweren Schicksalsschlag. Auch berichtet sie, wie es dazu kam, dass das Lied im Wettbewerb blieb. Als sechs Freunde und musikalische Weggefährten des Verstorbenen sich bereit erklärten, den Beitrag quasi „in Memoriam” zu singen, stand der gemeinsame Entschluss bald fest: Die Komposition wird nicht zurückgezogen. Eine nur zu naheliegende und verständliche Entscheidung, denn „Sjonni” Brink nahm schon 2006, 2007, 2008 und 2010 an der isländischen Vorauswahl teil. Für den Vollblutmusiker war der Eurovision Song Contest eine Herzensangelegenheit.

Eine solche Herzensangelegenheit ist es nun für Sänger Matthias Matthiasson, Pianist Palmi Sigurhjartarson, Schlagzeuger Benedikt Brynleifsson, Bassist Hreimur Oern Heimisson sowie die Gitarristen Gunnar Olason und Vignir Snaer Vigfusson ihren verstorbenen Freund mit ihrem Auftritt in Duesseldorf zu ehren. Erfolgsabsichten im Vorfeld des ersten Halbfinals am Dienstag (21 Uhr, ProSieben) treten da freilich in den Hintergrund – auch seitens der islaendischen Öffentlichkeit, wie Hreimur Oern Heimisson erzählt: „Zum ersten Mal seit vielen Jahren gibt es da eigentlich gar keinen Druck.” Und das obwohl Island durch drei Finalteilnahmen in Folge, darunter ein zweiter Platz 2009, vom Erfolg verwöhnt ist. Entsprechend seien er und seine Bandkollegen recht ruhig und gelassen, betont Heimission, räumt aber ein: „Natürlich hoffen wir auch darauf, ins Finale zu kommen. Das wäre ein Traum.” Nicht zuletzt um sich diesen Traum zu erfüllen, singen die Isländer in Düsseldorf auf Englisch und nicht wie beim Vorentscheid in ihrer Muttersprache („Aftur Heim”, „Nach Hause”). Ohnehin versprechen sich die meisten Teilnehmerländer beim Contest von der englischen Sprache bessere Erfolgsaussichten.

Vor allem aber haben sich Sjonni‘s Friends für die englische Version entschieden, um damit ein grösseres Publikum zu erreichen: Denn das „Hauptziel” für sie und die Band sei es, „die Botschaft des Liedes rüberzubringen und die Zuschauer zu berühren”, betont Mitkomponistin Thorunn Erna Clausen. Eine Botschaft, die angesichts des Todes ihres Ehemanns geradezu schicksalhaft wirkt: „Es geht darum, dass wir nicht wissen, wieviel Zeit uns im Leben noch bleibt. Und deshalb sollten wir das Leben geniessen.”

Quelle: wa.de

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