Die Situation Kunst in Bochum zeigt „Von Thangka bis Manga“

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Das Thangka des „Buddha mit sechzehn Arhats“ (Tibet, 19. Jh.), zu sehen in Bochum. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Übergroß ruht Buddha auf seinem Lotosthron in einer weiten Gebirgslandschaft. Er ist umgeben von Gottheiten, die um Erleuchtung für alle Menschen bitten, schwebenden Buddhas auf Wolken und seinen Lieblingsjüngern. Dieses tibetanische Thangka wurde im 19. Jahrhundert gemalt, damit der Stifter unmittelbaren Kontakt zum Religionsstifter aufnehmen konnte. Aber auch ohne diesen spirituellen Hintergrund berührt die detailreiche Gestaltung den Betrachter sofort.

Das Rollbild ist in der Situation Kunst in Bochum zu sehen, in der Ausstellung „Von Thangka bis Manga – Bild-Erzählungen aus Asien“. Die Schau bietet Kunstwerke aus drei Kulturkreisen an, das älteste entstand im 14. Jahrhundert. Den Besucher erwarten 20 Thangkas, Rollbilder mit Darstellungen Buddhas aus Tibet, rund 40 indische Krishna-Miniaturen sowie einige Serien mit japanischen Mangas. Obwohl der Kontrast zwischen der strengen buddhistischen Sakralkunst und den modernen profanen Comics gewaltig erscheint, gibt es starke Gemeinsamkeiten. Die offensichtlichste: Der Zeichner Osamu Tezuka (1928– 1989) schildert in acht Bänden das Leben Buddhas.

Die Ausstellung hat einen Anlass, der eine wissenschaftliche Sensation darstellt, wie Iris Poßegger, Leiterin der Situation Kunst, erzählt. Das Museum besitzt neben moderner auch alte asiatische Kunst, darunter ein Thangka aus dem 17. Jahrhundert, das 2009 von einer Studentengruppe untersucht wurde. Dabei wurde eine Inschrift entdeckt, die den Tibetologen Andreas Kretschmar zu weiteren Nachforschungen bewegte. Er entdeckte, dass das vorliegende Thangka einer Serie zuzuordnen ist, die der fünfte Dalai Lama im Jahr 1668 in Auftrag gegeben hatte. Es gibt praktisch keine Thangkas, zu denen man diese Nachweise hat. Hier aber weiß man mit einem Mal den Anlass (den Tod eines mongolischen Heerführers), hat Erläuterungen zu den Motiven und kennt sogar den Namen des Künstlers. Der Dalai Lama selbst hat die Inschrift verfasst. Nur weil er über alle Kunstwerke, die er in Auftrag gab, Buch geführt hat, war dieser Fund möglich. Er öffnet auch die Chance, dass weitere Werke identifiziert werden können, denn das Bochumer Thangka gehört zu einer Serie.

Dieses Rollbild ist nicht in der Präsentation im Kubus zu sehen, sondern blieb in der Dauerausstellung. Aber die Entdeckung brachte Iris Poßegger auf die Idee einer Schau mit asiatischen Bildwerken. Das Ergebnis ist eine Zeitreise durch verschiedene Kulturen. Die Thangkas lieh das Basler Museum der Kulturen, die Krishna-Miniaturen das Museum Rietberg in Zürich.

Alle diese Bilder sind erzählerisch, aber auf unterschiedliche Art. Die Thangkas wurden unmittelbar rituell eingesetzt. Das Thangka stellt den Buddha nicht nur dar, es verkörpert ihn, so dass die Gläubigen überzeugt sind, dass das Thangka sie betrachtet, wie sie das Thangka anschauen. Es sind relativ große Formate, bestimmt durch eine einheitliche Bildfläche. Zuweilen findet man um die zentrale Buddha-Figur Szenen wie in dem „Leben Buddha Sakyamunis“ (18. Jh.), die sein Leben von der Geburt durch die rechte Hüfte seiner Mutter Maya bis zu seinem vollkommenen Erlöschen schildern. Andere Darstellungen sind stilisierter, wie das „Vijaya Stupa“ (18 Jh.), in Gold auf rotem Grund Wunder Buddhas beschreibt.

Ganz anders die Krishna-Miniaturen, die überwiegend aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen und von der islamischen Kunst beeinflusst sind. Ihr Stil erschließt sich dem westlichen Betrachter leichter. Und obwohl die unterschiedlichen Blätter aus verschiedenen Serien stammen, obwohl man farbige Miniaturen, Zeichnungen und Ritzzeichnungen in Palmblättern hat, ergibt die Abfolge in Bochum einen Ablauf von Krishnas Leben. Die hinduistische Gottheit Vishnu, die die Welt vom Dämon Kamsa erlöst, indem sie als Krishna geboren wird, führte ein bewegtes Leben. Kämpfe mit Schlangengeistern und Mordelefanten sind ebenso zu sehen wie die erotischen Abenteuer mit den Gopis, Kuhhirtinnen, die Krishnas Frau Radha in Eifersucht und Verzweiflung stürzen.

Schließlich die Mangas, die alles andere sind als triviale Comic-Action. Wie sehr das Medium sich für ernsthafte Themen eignet, das zeigte Keiji Nakazawa, der 1939 in Hiroshima geboren wurde, und 1975 einen autobiografisch geprägten Bildroman über den Abwurf der Atombombe schuf, „Barfuß durch Hiroshima“, aus dem einige Szenen gezeigt werden. Aber auch die kompletten Bände können in einer Leseecke eingesehen werden. Ebenso beeindruckend sind die Szenen aus „Existenzen“ von Yoshihiro Tatsumi über Obdachlose im modernen Tokio.

Das Stück

Alte und neue Bild-Erzählungen im eindrucksvollen Kontrast: Von Thangka bis Manga in der Situation Kunst. Bis 1.7., mi – fr 14 – 18, sa, so 12 – 18 Uhr, Tel.0234/ 29 88 901, http://www.situation-kunst.de, Katalog, E.A.Seemann Verlag, Leipzig, 24 Euro

Quelle: wa.de

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