Die „Sinfonie der Tausend“ in Duisburg

+
Lorin Maazel und 1300 Aktive bei der „Sinfonie der Tausend“ in Duisburg.

Von Edda Breski ▪ DUISBURG–Worte fand Gustav Mahler für seine achte Sinfonie kaum: Er könne, schrieb er an den Dirigenten Willem Mengelberg, seine neueste Schöpfung nicht beschreiben; in seinem Werk kreisten Planeten und Sonnen.

Diesen kosmologischen Zugriff haben Zeitgenossen und Nachfolgende als gigantisch aufgefasst. Mahlers Sinfonie erhielt nach ihrer Uraufführung den Beinamen „Sinfonie der Tausend“ und wird gelegentlich unter diesem Maßstab aufgeführt. Die Ruhr.2010 hat die „Sinfonie der Tausend“ zu einem ihrer Megaevents erkoren. Der Zeitpunkt passte genau: Am 12. September vor 100 Jahren leitete Gustav Mahler die Uraufführung seiner Achten – ein seltener Triumph für den Komponisten. Seinerzeit traten 858 Sänger und 171 Orchestermusiker auf.

Diese Zahlen übertraf die Duisburger Produktion locker: Alles an diesem Abend war Superlativ mit Ansage. 25 Chöre aus dem gesamten Ruhrgebiet, darunter Kinderchöre, mit 1150 Sängern standen auf dem Podium, hinzu kamen 180 Instrumentalisten aus sieben Orchestern und, nicht zu vergessen, acht Gesangssolisten. Gewöhnlich treten bei einer Aufführung der „Sinfonie der Tausend“ etwa 300 Menschen auf die Bühne. Schon der Anblick war überwältigend und dominierte die riesige Gebläsehalle. Hinzu kam die für ein sinfonische Konzert enorme Besuchermenge rund 3 000; die Halle war seit langem komplett ausverkauft. Unter den Gästen waren neben NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft Bundespräsident Christian Wulff und der EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso.

Solche Massen stellen Planer, Akustiker, Logistiker und musikalische Leiter vor höchste Herausforderungen. Unter anderem eine Orgel und vier Harfen, Celesta und Mandolinen, dazu eine starke Besetzung in allen Instrumentengruppen – aus unterschiedlichen Orchestern – ist zusammenzubringen.

Was vom Abend musikalisch blieb? Vor allem ein buchstäblich gewaltiges Ereignis. Ein Forte von 1 300 Menschen gehalten kann ein erschütterndes Erlebnis sein. Die Raumeffekte – der Gesang kam von drei Seiten – waren beeindruckend, wenn auch nicht so fein, wie es in einem regulären Konzertsaal möglich wäre. Aber Lorin Maazel ging mit der „Riesenschwarte“, ein Begriff, mit dem die Sinfonie seit Adorno behaftet ist, und der Riesenaufgabe, eine solche Masse Menschen durch die Partitur zu leiten, sehr behutsam um, wirkte sogar entspannt, auch wenn er sich zwischen den Sätzen kurz setzte.

Reibungsverluste gibt es bei einem solchen Projekt immer. Dennoch: Da klangen die stilleren Passagen im ersten und zweiten Satz manchmal gar kammermusikalisch – trotz nicht optimaler Akustik.

Die Stimmensoli mit zurückgenommener Instrumentbegleitung gerade im ersten Satz, in dem Mahler den Pfingsthymnus „Veni creator spiritus“ von Hrabanus Maurus vertonte, klangen intim und wirkungsvoll. Mahler hat in seiner Achten seinem Thema, dem menschlichen Ringen und der Erlösungshoffnung, breiten Raum gegeben, aber gerade auf leise Töne gesetzt und eine diffizile Struktur geschaffen. Maazel arbeitet das heraus, ohne auf einen getragenen, emphatischen Tonfall zu verzichten. Wie Mahler Wirkung durch Klangmischung erzielte – darin sehr modern denkend – wie er verstörende Wirkungen erzielte, das wird hörbar.

Der zweite Satz mit dem Faust-Tableau wird von einem emphatischen Ton getragen. Maazel folgt gelassen den opernhaften Wendungen. Die immensen Tutti – etwa das Finale über das Thema „Das ewig Weibliche zieht uns hinan“ – erschlagen die Zuhörer nicht, sondern entfalten sich bis zum Klangluxus. Fraglos liegen subtilere Interpretationen vor, in denen mehr zu erhören ist. In einem Rahmen wie in Duisburg war mehr kaum möglich.

Was bleibt? Die Erinnerung an ein bombastisches Spektakel, an seltene Klangfluten. Musikalisch gab‘s nicht viel Neues. Events, die in Mahlers Sinn welterschütternd wirken, müssen erst erfunden werden.

Schweigeminute

Nach der Loveparade-Katastrophe hat Bundespräsident Christian Wulff der Stadt Duisburg und ihren Bürgern Mut zugesprochen. Duisburg sei eine Stadt des erfolgreichen Strukturwandels und der gelungenen Integration. „Die Duisburger haben allen Grund, darauf stolz zu sein“, sagte der Bundespräsident bei einem Empfang nach der Aufführung von Gustav Mahlers 8. Sinfonie. Die Aufführung war die erste Großveranstaltung der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 nach der Technoparty am 24. Juli, bei der 21 Besucher in der Menschenmenge zu Tode gekommen waren. Das Konzert begann mit einer Schweigeminute. ▪ dpa

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare