Simon Urban lässt im Roman „Plan D“ die DDR überleben

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Erfindet eine DDR, die überlebt hat: Simon Urban. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Etwas Fantasie muss man schon mitbringen, um Simon Urban in seinem Roman „Plan D“ zu folgen. Dann kommt man in ein Deutschland, in dem es die Wiedervereinigung nie gegeben hat. Stattdessen wurde die DDR „wiederbelebt“. Die beiden Teile Deutschlands leben in unfriedlicher Abhängigkeit, weil der Westen das Geld hat und der Osten die Hand auf den Pipelines mit dem Russengas. Was wäre, wenn dieses Gleichgewicht gestört würde? Zum Beispiel durch den Mord an einem Ex-Berater des Staatsratsvorsitzenden Krenz, der alle Anzeichen eines Stasi-Verbrechens trüge. Und im „Spiegel“ erscheint die Schlagzeile „Die Stasi mordet wieder“.

So beginnt der Roman des 1975 in Hagen geborenen Autors, der das Handwerk allerdings am Deutschen Literaturinstitut Leipzig gelernt hat. Eine feine, fiese Parallelwelt-Geschichte. So etwas hat sich 1992 der britische Autor Robert Harris ausgedacht: In „Vaterland“ schilderte er ein Europa, in dem Hitlerdeutschland den Krieg gewonnen hatte. Auch das war ein Krimi.

Urbans Geschichte spielt im Oktober 2011. Es ermittelt der abgehalfterte, desillusionierte, von der Geliebten verlassene Volkspolizist Martin Wegener, 56, mit westdeutschen BND-Beamten. Es gilt, die Stasi reinzuwaschen. Der Roman funktioniert gut. All die falschen Fährten zwischen Geheimdiensten und der „Brigade Bürger“, einer antikommunistischen Terrorgruppe, zwischen rivalisierenden Behörden eines Staates, der noch mehr abgewirtschaftet hat als die DDR 1989, und den reichen Gasrussen bieten unterhaltsame Rätsel, und natürlich gibt es noch einige Leichen mehr.

Besonders liebevoll zeichnet der Autor die Szenerie, vor der sich das alles abspielt. Die Welt dreht sich ja auch in einer fiktiven DDR weiter, und so verspeist man dort „Wart-Burger“ von Buletto (mit Rauke in der Mayonnaise) und trinkt „Bionier“-Brause in modischen Geschmacksrichtungen wie Rhabarber und Walderdbeere. Auf den Straßen rollen die Wartburg-Modelle „Agitator“ und die „Phobos“-Wagen, die Nachfolgeserie zum Trabant. Man tankt Rapsöl und hat Navodobros, und hinter den Minsk-Telefonen sind sogar die BNDler mit dem dicken Benz her. Und die freundliche VEB Telemedien wirbt mit dem Slogan: „Jetzt haben Sie Redefreiheit“. Gerade die Markennamen treffen wunderbar den Ton des untergegangenen zweiten deutschen Staates: Ein Potenzmittel heißt „Aufrecht“.

Ebenso hintergründig spielt Urban mit Menschen, die uns vertraut sind: Oskar Lafontaine hat als Kanzler Roland Koch abgelöst, Otto Schily hingegen ist Minister im Osten. Sahra Wagenknecht hat die Branche gewechselt und spielt die Hauptrolle im Kinofilm „Red Revenge“. Und noch andere haben anständig Kariere gemacht, wie die Physik-Nobelpreisträgerin Angela Kasner.

Urban trifft meistens sicher den Ton von Hard-Boiled-Thrillern der US-Schule. Der Autor übertreibt ein wenig den Einsatz von Bildern aus der Urogenitalzone, es wimmelt von faltige Ärschen, riesigen Titten, gedanklichen und realen Kopulationen, Kotz- und Kot-Szenen. Man ist froh, wenn Wegener zwischendurch mal an den Fall denkt. Dann wieder erfreuen Sätze voller rauer Kerlepoesie, ein rabiater Neo-Expressionismus mit Lust an Aufzählungen: „Wegener roch sein ganzes Land, den schimmeligen Muff der schwitzenden Altbauten, ... die überteuerte, sauer gewordene Westsahne in den Intershops, das eiserne Misstrauen der Überwachten, die speckigen Plastikjacken und Pelzkrägen der Alten, den blassen Duft von Nautik-Seife, das harzige, baumwollverstärkte Phenoplast der Phobosse, die nussige Intimwaschlotion Yvette, er roch Kasseler, Broiler, Soljankas, Bino-Soßenwürfel...“ Und noch lange weiter.

Urbans Roman ist erstaunlich unzynisch. Sein Gedankenspiel, das sogar die Ostvariante zu Hartz IV findet, nämlich Lötzsch-2, hat bei aller Lust am Verdrehen und Verkleiden einen melancholisch-bitteren Unterton, der dem Thema alle Frivolität austreibt. Dieser Thriller macht großen Spaß.

Simon Urban: Plan D. Verlag Schöffling & Co, Frankfurt. 552 S., 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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