Sigmar Polke wird von Klaus Staeck in Berlin ausgestellt

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Kritik am Konsumrausch: Sigmar Polkes Zeichnung und Collage „Supermarkets“, aus dem Zyklus „Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen“, 1976. Zu sehen in der Berliner Akademie der Künste. ▪

Von Annette Kiehl ▪ BERLIN „Wenn Du Dich jetzt nicht meldest, lassen wir Dich über Interpol suchen.“ Diesen Satz faxte der Verleger Klaus Staeck seinem Künstlerfreund Sigmar Polke. Einige Drucke mussten noch signiert werden und Polke schien wie vom Erdboden verschluckt. Auf unzählige Versuche der Kontaktaufnahme hatte dieser nicht reagiert, auch Faxe mit Sätzen wie „Ich sitze auf glühenden Kohlen und warte auf Erlösung“ oder Terminvorschlägen mit Kästchen zum Ankreuzen liefen ins Leere.

Die Freundschaft und Arbeitsbeziehung zu Polke war – vorsichtig ausgedrückt – eine organisatorische Herausforderung, zeigt der erste Ausstellungsraum in der Berliner Akademie der Künste. Er ist mit mehr als hundert ähnlich lautenden Faxen tapeziert. Dennoch oder gerade aufgrund dieser Eigenheiten feiert der Akademiepräsident Staeck seinen im vergangenen Jahr verstorbenen Weggefährten mit dieser Schau ganz unumwunden: „Sigmar Polke – Eine Hommage“.

Auf vier Jahrzehnte künstlerischer Arbeit blickt er dabei zurück und das ist angesichts von Polkes umfangreichen und vielfältigen Werk eine Herausforderung: Fotografien, Diagramme, Plakate, Kinderbuch-Illustrationen, transparente Collagen, Rasterpunkt-Gemälde, Stempel und technische Geräte bilden nur einige der Eckpfeiler seiner Arbeit. Staeck wählte solche Werke aus, die ihn mit Polke verbinden. Den „Apparat, mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann“ stellt er zum Beispiel aus, weil er das eigentümliche Objekt 1969 als erste Arbeit Polkes verlegte. Andere Stücke, weil sie von gemeinsamen politischen Anliegen und der sarkastischen Weltsicht erzählen.

Wahlplakate von 1972, auf denen Polke Franz-Josef Strauß‘ Gesicht mit einer Augenklappe verzierte, hängen in der Akademie der Künste gegenüber Bildern von Bettlern. Der CDU-Slogan „Wir bauen den Fortschritt auf Stabilität“ wird so ins Absurde gezogen. Polke sah diese Bilder aus dem Künstlerbuch „Bizarre“ in der Edition Staeck offensichtlich gut aufgehoben, denn die Ausgabe enthält auch das legendäre Staeck-Plakat „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen.“

Mit der Serie „Wir Kleinbürger“, die im Mittelpunkt der Berliner Ausstellung steht, drehte Polke diese Parodie weiter und reagierte auf den komplexen sozialen Wandel der 1970er Jahre mit einer vielschichtigen Maltechnik. Die Gouachen, in denen sich Figuren, Zitate und Symbole der bunten Konsumkultur überlagern, mag man als ein Gegenbeispiel zur amerikanischen Pop Art und ihrer Ikonenbildung lesen. In „Supermarkets!“ bilden übervolle Warenregale einen Sog; Supermann, Donald Duck und Arbeiter treffen aufeinander – die schöne Konsumwelt explodiert.

An keiner Stelle wirkt Polkes bohrende Kritik und seine angriffslustige Ironie jedoch altklug oder gar zynisch, er machte sich vielmehr auch über seine eigene gesellschaftliche Rolle lustig. So entzauberte er die vermeintlich hohen Ansprüche des Kunstbetriebs 2002 mit einem Foto: es kündigt eine antike Statue als „Kunstwerk der Woche“ an.

Mit unzähligen Fotos, Skizzen und Büchern von der Laterna Magica bis zu den „Lügen der Malerei“ deutet Klaus Staeck auf Polkes Forschergeist und dessen kindliche Experimentierfreude. Wirkt der Künstler mit seiner eleganten Kleidung und dem grauen Haar zunächst wie ein Bankdirektor, so zeigen Staecks private Fotoaufnahmen einen gewitzt blickenden Mann, der auf allen Vieren durch sein Kölner Atelier krabbelt, um Bilder zu ordnen und zu kennzeichnen.

Eine Farbprobe der Collage „Vertreter“ (2002) versah Polke mit wunderbar witzigen Kritzeleien und Kommentaren. Unter ein Foto malte er einem Anzugträger Beine und eine Sprechblase: „Ich komme von der Edition Staeck und will die Geschenke abholen.“

Die Schau

Wie Künstler und Verleger zusammenarbeiteten. Ein schwieriges Verhältnis und die Kunst dazu.

Sigmar Polke in der Akademie der Künste Berlin. Bis 13. März; di–so, 11 bis 20 Uhr; Katalog 25 Euro; Tel. 030/

200571000, http://www.adk.de.

Quelle: wa.de

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