Siegfried Mauser spielt Dieter Schnebel beim Klavierfestival

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Siegdried Mauser ▪

Von Edda Breski ▪ GELSENKIRCHEN–Seinen Respekt vor dem Pianisten hat Dieter Schnebel in der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen in lakonische Worte gefasst: „Mensch Siggi, lebst Du noch“, sagte er zu Siegfried Mauser, der eben Schuberts a-moll-Sonate beendet hatte, und dem noch eine Uraufführung bevorstand: Mauser hob im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr Schnebels „h-moll-Sonate“ aus der Taufe.

In einem von ihm selbst moderierten Doppelkonzert spürte Mauser der Gattungstradition der Sonate nach und sondierte nach Spuren von Liszts Altersdepression in dessen Spätwerk. Solche Veranstaltungen sind ein großes Verdienst des Klavierfestivals, das mit Angeboten verschiedenen Charakters das theoretische und das literarische Umfeld der Musik abdeckte. Nun also die Reflexion einer für die Klavierliteratur so entscheidenden Gattung.

Schnebels „h-moll-Sonate“, mit der er sich seit mehr als 30 Jahren trägt, ist eine Verquickung von Zitat und Weiterentwicklung, von Anklängen an die Vorbilder Chopin und Liszt – beide schrieben große h-moll-Sonaten – und ihrem Echo, von Musik und ihrer Spiegelung im Geräusch. Ganz im Sinne der Moderne nimmt Schnebel das Geräusch als gleichwertige Ergänzung des Klangs. Der Solist nutzt die Saiten im Flügel als Schlaginstrumente, klopft gegen das Holz und schlägt den Tastaturdeckel zu. Streng im seriellen Sinne setzt Schnebel die Pausen ein. Stille als Ruhepunkt, um den die Linien sich gruppieren. Mausers ordnender Zugriff verweist darauf, dass das nichts zu tun hat mit einem Versuch, aus bekannten Inhalten neuen Effekt zu ziehen: Das hier ist ein aktueller, sehr groß angelegter Versuch über die Form und ihre romantische Tradition. Der 81-jährige Schnebel trägt sich mit Entwürfen für ein Adagio und mit Gedanken an einen dritten und vierten Satz, sagte aber offen: „Das müsste dann eine Gewalttour sein.“

Als Referenzwerk hat sich Schnebel selbst die a-moll-Sonate opus 42 von Franz Schubert ausgesucht. Ihn fasziniert, erklärt er, ihre schwarze Romantik. Mauser hat bedeutende Komponisten eingespielt, darunter das Klavierwerk von Hindemith und Hartmann. Die orchestrale a-moll-Sonate erprobt er mit analytischem Zugriff auf Struktur und Ausdrucksgehalt. Die Themenblöcke des Kopfsatzes behandelt er als die getrennten Gebilde, die sie sind; er betont die Brüche, etwa in der herben Coda mit den harten, grandiosen Akkordfolgen: Diese Kraft lebt allein aus dem Reibungsumfeld der widerstreitenden musikalischen Ideen. Im Andante poco mosso wird das Thema mit jeder Variation immaterieller. Im Scherzo spürt Mauser den emotionalen Aggregatzuständen nach, erprobt die Struktur, überhitzt sie bis zum Schmelzpunkt. Den Schlusssatz mit seiner Thematik des In-die-Welt-gesetzt-Seins entwickelt er ebenso aus den strukturellen Gegebenheiten heraus.

Der zweite Teil war Liszt und seinem Schwiegersohn Wagner gewidmet. Mauser erklärte den Rang von Liszts späten Klavierwerken, indem er die biografischen Entwicklungen entwickelte. So erklingt im „Ave Maria“ aus der Klavierschule von Lebert und Stark nicht allein ein Gebet zur Muttergottes: der notdürftig klangverschleierte Choralsatz erbittet Erlösung, wo keine erwartet wird.

Quelle: wa.de

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