„Das siebte Kreuz“ am Theater Oberhausen

Überprüfung: Daniel Rothaug (von links), Lise Wolle, Burak Hoffmann (hier als Georg in der Manchester-Jacke), Clemens Dönicke und Emilia Reichenbach spielen „Das siebte Kreuz“ nach Anna Seghers am Theater Oberhausen. - Foto: Palmer

OBERHAUSEN Grelle Scheinwerfer strahlen in den Zuschauerraum des Theater Oberhausen. Der Roman „Das siebte Kreuz“ (1942) von Anna Seghers kommt selten auf die Bühne. Die Schriftstellerin, Kommunistin und Jüdin hat eine Fluchtgeschichte ins Jahr 1937 verlegt. Sieben Häftlinge brechen aus dem KZ Westhofen aus. Der Kommandant will in sieben Tagen alle zurückholen und an die geköpften Platanen hängen, denen er jeweils einen Balken zum Kreuz aufsetzen ließ. Nach und nach werden die Geflohenen eingefangen und zur Abschreckung aufgeknüpft. Nur das letzte Kreuz bleibt frei. Es steht für einen Ausweg – einer kam durch. Vor allem aber dominiert die brutale Macht der Nazis. Und Menschen kommen zu Wort, die im NS-Staat leben.

Am Theater Oberhausen macht Regisseur Lars-Ole Walburg daraus kein Terrordrama (trotz Scheinwerfer-Signal), sondern stellt mit einem sechsköpfigen Ensemble und wechselndem Figurenspiel das literarisierte Material der Flucht vor. Anna Seghers emigrierte mit ihrer Familie 1933 nach Frankreich und Mexiko. Sie war nicht ohne Zuversicht, da sie die ganze Dimension der nationalsozialistischen Bestialität noch nicht kannte. Ihr Roman wurde zum Welterfolg und 1944 in Hollywood mit Spencer Tracy verfilmt.

Regisseur Walburg stimmt die Angst der Flüchtenden an, wenn er Bilder, Gedanken, Dialoge und Beschreibungen aus dem Roman kontrastierend sprechen lässt. Es ist die Grunddramaturgie seines erweiterten Spielkonzepts. Ein Eimer Matsch wird dem Fliehenden gleich auf den Kopf geschüttet. Also rennt und rennt er um sein Leben, fällt und fällt immer auf die gleiche Stelle, während ihn das Ensemble beobachtet, ungerüht. Walburg arbeitet mit dem Stilmittel der Distanzierung. Er zeigt, wie er den Stoff in Szene setzt. Das ist keine Illusionsarbeit, die mit dem Angstgefühl Spannungen aufbaut. Vielmehr wird der Zuschauer ins Benehmen gesetzt, dass er Fluchterfahrungen bewerten kann. Wer hilft einem Geflohenen? Wer geht das Risiko ein, ein Versteck anzubieten, obwohl die Gestapo bereits ermittelt?

Der Mechaniker Georg schlägt sich durch, verletzt, hungrig, will er über Frankfurt zu seiner Freundin und dann auf ein Schiff. Seine Leidensgeschichte wird von mehreren Darstellern verkörpert. Das ist schlaglichtartig, intensiv und für den Augenblick gemacht, ohne erzählerisch zu werden. Musikintros erhöhen die Pulsfrequenz. Der Tod lauert überall. Und die Bühne von Maria-Alice Bahras – ein riesengroßes schräggestelltes Hakenkreuz – macht jede Szene programmatisch: Nöte im NS-Staat. Auch Zwischenmenschliches fällt darunter, wenn Georg auf Franz trifft, dem er damals die Freundin ausgespannt hat. Oder wenn Paul für Georg ein Versteck sucht und seine Frau Liesel Angst um ihren Mann hat. Doch nichts geht einen hier wirklich an.

Walburgs appellative Bühnenfassung birgt auch krude Erinnerungskultur. Marcel Reich-Ranicki tritt als Literaturkauz auf und lobt Seghers Roman mit seinem lispelnden Akzent. Später lässt er Bert Brecht in ein Mikrofon rezitieren. Neben linksintellektueller Folklore („der Heiner kommt auch gleich“) wird der KZ-Kommandant im Ledermantel zur SS-Type ausgestellt. „Komm’ zurück, ich warte auf dich“, singt er und verballhornt seine Mordlust. Trotz verschiedener Inszenierungstechniken bleibt „Das siebte Kreuz“ eine Materialsammlung.

16. 3.; 15. 18. 4.; 16. 5.; Tel. 0208/ 8578 184; www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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