Sibylle Broll-Pape inszeniert „Kabale und Liebe“ in Bochum

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Liebeswirbel im Trauerspiel: Szene aus „Kabale und Liebe“ in Bochum mit Nagmeh Alaei und Helge Salnikau ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Wahres Glück versteht man ohne Worte. Luise und Ferdinand fallen sich in die Arme, tanzen zu einem Popsong im Kreis und lassen die bunten Papierblüten aufstieben, die sie zuvor über die Bühne geschüttet haben. Liebe ist alles, was sie brauchen. Ein schönes junges Paar sind Nagmeh Alaei und Helge Salnikau in Sibylle Broll-Papes Inszenierung von „Kabale und Liebe“ am Bochumer prinz regent theater.

Friedrich Schillers bürgerliches Trauerspiel ist Pflichtstoff für den Abiturjahrgang 2014 in Nordrhein-Westfalen. Darum hat das Publikum die Qual der Wahl zwischen Inszenierungen in Dortmund, Essen, demnächst in Mülheim, Castrop-Rauxel, Oberhausen. Und eben am Off-Theater in Bochum. Diese Inszenierung versteht junge Erwachsene als Zielgruppe. Die unstandesgemäße Liebe zwischen dem Bürgermädchen und dem jungen Adligen steht im Zentrum, einschließlich der Eifersucht des unglücklichen Wurms, der am Anfang vor einer Projektion Luises steht und sie mit ausgebreiteten Armen anhimmelt. Immer wieder gibt es Momente mit Songs der Indie-Band Archive, die mal das Glück, mal den Liebesschmerz der Situation formulieren. Ferdinand und Luise stehen oder knien im Blütenmeer, in bunten, aber fruchtlosen Träumen (Ausstattung: Trixy Royeck), halten sich umarmt, tanzen, wenden sich von einander ab. Gefühlswelten von heute und aus dem 18. Jahrhundert werden nah aneinander gebracht. Er in Jeans und Designerhemd, sie im bunten Rock fielen in einer 12. Klasse kaum auf. Und sie sprechen Schillers Text so, dass er frisch klingt, transportieren den Überschwang, die Sehnsucht, die Leidenschaft.

Broll-Pape konzentriert sich. Sie lässt manches weg, was nicht unwesentlich ist, wie die Szene zwischen der Lady Milford und dem Kammerdiener. Trotzdem bringt sie die Geschichte mit nur sieben Darstellern auf den Punkt. Dass der Stadtmusikus Miller allein erziehender Vater ist, spitzt den Konflikt sogar noch zu. Wolfram Boelzle spielt den Bürgersmann, der sich rührend um seine Luise sorgt, mit vielen Facetten und sogar einem Anhauch von Schwäbeln. Auch der andere Vater des Stücks, Präsident von Walter, ist mit Volker Weidlich glänzend besetzt: Ein Machtmensch, der glaubt, seinen Sohn glücklich zu machen, wenn er ihn zum Intriganten nach dem eigenen Bild formt. Der behagliche Brustton, in dem er Ferdinand eine Affäre gönnt, verrät: So hat der Präsident es einst selbst gemacht. In der Vernunftehe mit der Mätresse des Fürsten erkennt er nur die Vorzüge, nicht das Ehrenrührige.

In den Nebenfiguren gerät die Inszenierung plakativ: Arne Obermeyer gibt den Wurm mit Fliege und Strickweste wie eine Karikatur, sagt keinen Satz, ohne sich zu winden und drehen. Katrin Schmieg hat als Lady Milford die Anmutung einer Edelnutte. Die großherzige Läuterung, die Schiller ihr zugesteht, passt ihr nicht recht. Die schwuchtelige Aufgekratztheit, mit der Jan Arwed Maul den Kalb mimt, ist auch übertrieben, stört aber weniger.

Trotzdem erlebt man Schiller an diesem Abend sehr gegenwärtig, mal als schmachtende Ballade, mal als Rock ‘n‘ Roll.

28., 30.11., 14., 15., 16.12., Tel. 0234/ 77 11 17,

http://www.prinzregenttheater.de

Quelle: wa.de

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