„Shoot! Shoot! Shoot!“: Fotos vom Jet-Set in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen

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Immer mit Kamera: Grace Jones und Andy Warhol im Studio 54, New York (1978)

OBERHAUSEN - Paparazzi leben gefährlich. Ron Galella wagte sich in die Nähe von Marlon Brando nur noch mit einem Football-Helm. 1973 hatte der Schauspieler dem Fotografen die unteren Schneidezähne eingeschlagen und den Kiefer gebrochen. Galella machte weiter – und wurde ein Jahr später eben behelmt vom Kollegen Paul Schmulbach abgelichtet.

Das Foto ist von Sonntag an in der Ludwiggalerie Oberhausen zu sehen. Das Haus zeigt die Ausstellung „Shoot! Shoot! Shoot!“ mit rund 200 Aufnahmen aus der Sammlung Nicola Erni. Die Schweizerin, die persönlich lieber im Hintergrund bleibt, hat mit der Kuratorin Ira Stehmann von 2006 an Bilder vom Jet-Set der 1960er und 1970er Jahre gesammelt. Das Phänomen war bis dahin noch gar nicht soziologisch klar definiert worden. Die Sammlung macht diese besondere Erscheinungsform von Prominenz fassbar.

In den 1960er Jahren nahm die Fotografie noch einmal einen Aufschwung. Prominenz wurde neu definiert, nicht mehr nur in Atelieraufnahmen, sondern in neuen Inszenierungen und in Schnappschüssen der Boulevardreporter, die sich Adligen, den Reichen, Schauspielern, Musikern, Künstlern annäherten. Die Fotografierten schufen Intimität – oder täuschten sie zumindest vor.

So schoss Ron Galella 1978 im New Yorker Nachtclub Studio 54 genau in dem Moment sein Bild, als der Sänger Elton John der Dragqueen Divine beidhändig den Busen begrapschte. Es geht in diesen Bildern darum, das Leben der oberen 10 000 als permanente Party zu präsentieren, und zumindest indirekt ist der Verehrer seinen Idolen nah, wenn er die Bilder mit fast nackt tanzenden Szenegirls, mit einer sich verausgabenden Diana Ross (aufgenommen von Jerry Schatzberg 1965), oder mit dem damaligen Ehepaar Mia Farrow und Frank Sinatra, maskiert auf dem Weg zur Mottoparty von Truman Capote (Harry Benson, 1966) in den Hochglanzmagazinen sah.

Das Wenigste, was hier nach Schnappschuss aussieht, entstand auch spontan und ungeplant. Harry Benson hat 1964 die Kissenschlacht der Beatles im Pariser Hotelzimmer gewiss auf Einladung gemacht, und das Herumtollen passte bestens zum damaligen Image der Teenie-Idole. Später wurden die Inszenierungen noch raffinierter, wohl auch noch mehr von den Akteuren mitgesteuert, wie bei Annie Leibovitz‘ berühmtem Bild von Yoko Ono im Bett mit dem nackten John Lennon (1980), der perfekten Illustration zu den Friedens- und Emanzipationshappenings der Künstlerin und des Ex-Beatles. Dominique Tarié lichtete Keith Richards 1971 in einer Villa in Südfrankreich ab. Der Gitarrist der Rolling Stones sitzt mit seiner Fender auf dem Parkett eines Salons, um ihn lümmeln sich Frauen in den Polstersesseln. So lässig ist das Leben als Popstar.

Andy Warhol (1928–1987) ist eine Schlüsselfigur der Ausstellung. Der US-Künstler inszenierte sich mit seiner Factory als Gesamtkunstwerk. Wiederum Ron Galella hat den Pop-Künstler mit der Sängerin Grace Jones fotografiert, sie dreht sich scheinbar um, als sei sie überrascht, Warhol lächelt. Er trägt eine Kamera. Seinen Zugang zu Prominenten nutzte er für überraschende Aufnahmen, zum Beispiel von Bianca Jagger, die sich unter dem Arm rasiert, wofür sie offenbar ein Telefonat unterbrochen hat, auf ihrem Schoß liegt der Hörer. Warhol sieht auch den verfänglich tiefen Blick von Peter Malatesta, der Partys in Washington arrangierte, ins Dekollete der Schauspielerin Monique van Vooren. Das betätigt sich der Künstler selbst als Paparazzo, sein Motto lautete ohnehin: „People are so fantastic, you can‘t take a bad picture.“

Aber auch viele Momente in seiner Kunstfabrik sind dokumentiert – hier waren Fotografen willkommen. Man sieht die Belegschaft aufgestellt, man sieht den Meister beim Anfertigen von Siebdrucken, man sieht Warhol mit Entourage auf Partys. Er lässt sich beim Nickerchen von Helmut Newton ablichten, und nach dem Attentat einer geistig verwirrten Feministin entblößt er für Richard Avedon 1969 die Operationsnarben. Sogar bei der Erfindung des Selfies war er offenbar beteiligt: Ein Unbekannter lichtete ihn und David Bailey im Bett ab, während Bailey eine Polaroidkamera auf sich und den Künstler richtet.

Aber auch viele andere Aspekte von Prominenz sind beleuchtet: Zum Beispiel die Modeszene, bei der dem kindlich androgynen Model Twiggy, einer Stilikone des Swinging London. Melvin Sokolsky lässt sie 1967 auf der Fähre in New York posieren wie ein trotziges Schulkind. Bert Stern zeigt sie als kühles abweisendes Alien vor einer poppigen Tapete. Auch andere Models wie Veruschka von Lehndorff werden in anregenden Porträts gezeigt. Und Ellen Graham porträtiert den Stummfilmstar Gloria Swanson, die 1974 ihr 50 Jahre zuvor gemachtes Porträt mit Spitzenschleier neben sich hält. Das ist nur scheinbar eine Verdoppelung, erzählt aber in Wahrheit viel von der Dauer der Schönheit.

Eröffnung Samstag, 19 Uhr, bis 27.5., di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0208 / 4124 913,

www.ludwiggalerie.de,

Booklet 4 Euro

Quelle: wa.de

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