Sheila Arnold am Fortepiano in Hagen

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Sheila Arnold

Von Edda Breski HAGEN - Die norwegische Komponistin Agathe Backer-Gröndahl ist kein Stammgast mehr auf modernen Spielplänen. Ihre Musik gehört zu sehr in eine Strömung des 19. Jahrhunderts, deren glänzendere Vertreter heute viele ihrer Zeitgenossen überstrahlen.

Aber sie, eine Zeitgenossin Griegs, gehörte zu der Generation skandinavischer Musiker, die in Deutschland ihr Handwerk lernten, um einen eigenen Nationalton in der Musik zu formen. Die Pianistin Sheila Arnold hatte Backer-Gröndahls „Fantasiestücke“ in ihr Debütprogramm beim Klavierfestival Ruhr aufgenommen. Arnold ist spezialisiert auf das Fortepiano, einen Vorläufer der modernen Flügel. Auf der Burg Hohenlimburg in Hagen spielte sie auf einem Streicher von 1847 ein sorgfältig gewähltes, ansprechendes Programm, in dem sie auch erklärte und auf musikalische und historische Zusammenhänge verwies. Ein kleiner, liebenswürdiger Abend im Klavierfestival.

Arnold zeigte Verbindungen zwischen Deutschland und Skandinavien auf, indem sie zunächst die Variationen über das finnische Lied „Die Kantele Spielerin“ von Eduard Marxsen spielte. Marxsen war Lehrer des jungen Brahms in Hamburg. In der Hansestadt herrschten gute Verbindungen zu den nordischen Komponisten; Marxsen ließ sich als einer der ersten deutschen Tonsetzer von nordischer Musik inspirieren. Die volkstümlichen Rhythmen und Motive behandelte er nach ganz klassischer Manier, indem er ihren Gehalt prüfte und sein Material in verschiedenen Tempo- und Rhythmusvarianten bearbeitete. Für heutige Ohren klingt die „Kantele Spielerin“ anmutig, aber auf eine ferne Art, als betrachte man eine vergangene Szenerie im Stereoskop. Arnold stellte das warme Farbspektrum ihres Instruments vor und demonstrierte in den Variationen die agogischen Fähigkeiten des Streicher mit pointierter, klarer Phrasierung.

Backer-Gröndahls „Fantasiestücke“ führen von der Tonmalerei in die Reflexion. Der „Springbrunnen“ glitzert mit raschen Figurierungen zu Beginn – am Fortepiano ist das eben kein kühles Schimmern, sondern ein warmes, sonniges Funkeln – und führt von dort, über einen reizvollen Kontrast mit der dunkel aufquellenden Stimme in der linken Hand, in ruhigere Gewässer. Arnold präsentierte die Sanglichkeit des Flügels und fand für die „Fantasiestücke“ insgesamt einen nostalgischen Tonfall.

Sheila Arnolds Technik ist allerdings grundsätzlich modern; wenn man ihre Rubati hört, meint man, sie könnte auch am Steinway sitzen. Vor allem im Kopfsatz der f-moll-Sonate von Brahms, die den Abend beschloss, führte das manchmal in die Gleichmäßigkeit. Dennoch enthüllt das Fortepiano, im Gegensatz zur üppigen Brillanz des modernen Flügels, Klangfarben, die wiederum ein Licht auf die Struktur der Musik werfen. Die Arpeggien am Ende des zweiten Satzes zum Beispiel wirkten weniger als Effekt, sondern als logische Konsequenz des Vorhergegangenen, weniger als bravouröser Abschluss denn als Zuendedenken und weitergehender Impuls.

Bei allen Bestrebungen, dem Originalklang nahezukommen, für den Brahms und Chopin, dessen Ballade Nr. 1 in g-moll Arnold vor der Pause spielte, komponierten: Wir können forschen, aber wir können nicht zurückgehen und den Klang wie die Menschen erleben, die zu ihrer Zeit ganz und gar Neues hörten. Arnold beschreitet einen angenehmen Mittelweg.

Quelle: wa.de

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