„Selma“ ist ein packendes Filmepos über Martin Luther King

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Entschlossen: Martin Luther King Jr. (David Oyelowo, Mitte) und seine Mitstreiter sind in dem Film „Selma“.

Von Achim Lettmann - Er hat sich rausgeputzt, der Bürgerrechtler. Ein schicker Anzug, die Krawatte sitzt prima. Nein, sagt seine Frau, und korrigiert. Doch Martin Luther King hat zu viel von Äußerlichkeiten. Ganz groß ist der Friedensnobelpreisträger in den ersten Bildern des Films „Selma“ zu sehen, kurz vor seiner Ehrung in Stockholm 1964.

Er ist uns nah, wie er mit seiner Frau Coretta spricht und sein Unbehagen wird spürbar, als er an seine Landsleute in den Südstaaten denkt, die weniger haben als er.

Die Regisseurin Ava DuVernay gibt jeder Szene aus Paul Webbs Drehbuch eine Klarheit, die sagen will seid aufmerksam, seht her, was in Alabama 1965 passiert ist. Dabei wirken ihre Bilder nicht appellativ oder anklagend. Vielmehr schult sie das Bewusstsein des Betrachters für ein Kapitel amerikanischer Geschichte. Von Januar bis März 1965 organisiert Martin Luther King Demonstrationsmärsche von Selma nach Montgomery für das Wahlrecht der Schwarzen, das im Süden der USA durch administrative Schikanen ausgehebelt wurde. Einer Frau wird der nötige Wahlvermerk in ihren Papieren verweigert, weil sie die Namen der 67 Bundesrichter nicht hersagen kann. Das sind bittere Momente, die in dem Film „Selma“ deutlich machen, wie schikanös mit Schwarzen verfahren wurde.

Regisseurin Ava DuVernay porträtiert nicht verängstigte Nachkommen von Sklaven, sondern US-Bürger, aufrichtig, gut gekleidet und ein Teil der Vereinigten Staaten, der mit seinen Steuern, seinem Dienst an der Waffe und seiner Arbeitsleistung das amerikanische Selbstverständnis stärkt. Dennoch sucht selbst Präsident Lyndon B. Johnson nach Ausreden, weshalb das Wahlrecht noch nicht durchsetzbar ist. Derzeit seien andere politische Themen wichtiger. Tom Wilkinson gibt den Zauderer, der mit Martin Luther King spricht, und um Verständnis für politische „Abläufe“ bietet. Dagegen spielt Tim Roth den Gouverneur von Alabama, George Wallace, zynisch und rassistisch. Selbst auf Druck des Präsidenten lenkt er nicht ein und bleibt gegenüber den Afroamerikanern ignorant.

Auf der anderen Seite fokussiert der Film auf die Eheleute King. Carmen Ejogo spielt Coretta als stolze Frau, die neben der Todesangst um ihren Freiheitskämpfer, auch fürchtet, von ihm betrogen zu werden. Es sind solche Szenen, die das Bild Martin Luther Kings als lupenreines Vorbild korrigieren.

Vielmehr zeigt „Selma“, der für einen Oscar als bester Film nominiert ist, wie strategisch Luther King und seine Bewegung handelten. Die kleine Stadt in Alabama wurde ausgewählt, weil die Polizei vor Ort besonders brutal gegen Afroamerikaner vorging. Fotos und Zeitungsberichte über Schlagstock- und Peitschenhiebe gegen Marschierer gingen durch ganz Amerika und setzten Präsident Johnson unter Druck. Er musste sich einsetzen, damit das Wahlrecht für alle auch überall angewandt wurde.

Es ist eine Stärke des Films mitzuerleben, wie hartnäckig Martin Luther King verhandelt. Es sind immer wieder Großaufnahmen von Gesprächen (Kamera Bradford Young), die demonstrieren, wie King in der Kirche, gegenüber Politikern und Polizisten wirkte. King bringt dabei seine Wut zum Ausdruck, die er als gewaltloser Kämpfer hatte, aber immer wieder zügelte. David Oleyovo brilliert in der Rolle, weil man spürt, dass seine Worte das einzige Mittel zum Kampf sind und er nur darauf setzten kann, dass Freiheit und Selbstbestimmung niemanden verwehrt werden können. „Selma“ ist ein dialogisches Epos und nach dem Attentat auf King im Jahr 1968 der erste Hollywoodfilm über den Bürgerrechtler überhaupt.

Die afroamerikansiche Regisseurin Ava DuVernay sagte, sie habe das 20-Millionen- Dollar-Budget akzeptiert. Filmemacher wie Spike Lee, Stephen Frears und Lee Daniels hatten zuvor abgesagt. Für Hollywoods Filmindustrie hat die 42-Jährige, die 2012 den Regiepreis beim Sundance Filmfestival gewann („Middle of Nowhere“), kein gutes Wort. „Heterosexuelle weiße Männer haben seit jeher die Fäden in der Hand, sie halten sich für das Zentrum des Universums“, sagte sie der „Berliner Zeitung“.

Der Film

Ein historisches Epos mit ganz starken Darstellern. Packend!

Regie: Ava DuVernay

Darsteller: David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Carmen Ejogo, Giovanni Ribisi

Dauer: 124 Minuten

Freigabe: 6 Jahre

Wertung: ++++o

Quelle: wa.de

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