Selen Kara inszeniert Dea Lohers „Blaubart – Hoffnung der Frauen“

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Grenzenlos ist Julias Liebe: Szene aus „Blaubart“ in Bochum mit Sarah Grunert und Marco Massafra.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Zehn Minuten braucht Heinrich Blaubart, um im Park mit Julia ins Gespräch zu kommen, sich zu verlieben, sie zu heiraten und sie in den Selbstmord zu treiben. Zack, da liegt das Mädchen, das eben noch so unbeschwert an seinem Eis lutschte. Und Heinrich weiß, was er eigentlich ist: ein Mörder.

Dea Loher überblendet in ihrem 1997 uraufgeführten Stück „Blaubart – Hoffnung der Frauen“ alte Mythen mit zeitgenössischen Emanzipationsmotiven. Darin steckt der frauenmeuchelnde Märchenheld, ein bisschen von Schnitzlers „Reigen“, auch Wedekinds „Lulu“. Selen Kara inszeniert das Stück im Theater unten des Schauspielhauses Bochum als burlesk-heiteren Totentanz.

Und auch bei ihr trumpft die Titelfigur nicht als finsterer Unhold auf. Heinrich Blaubart arbeitet als Schuhverkäufer. Fürs Verbrechen fehlt ihm die Fantasie. Und mit jeder toten Geliebten wächst bei ihm das Entsetzen, will er dringender seinem Drang entkommen. Marco Massafra verkörpert den glücksunfähigen Glückssucher schön unbeholfen und naiv, später immer gehetzter. Ein großer Junge, der am Anfang zwischen Schuhkartons und High Heels eine Schaufensterpuppe aus Einzelteilen montiert, sie anzieht und aufstellt. Nur über das tote Objekt verfügt er so souverän, legt es auf den Boden und sich darauf, wendet es, um Schuhe auszuprobieren. Die lebenden Frauen spielen dagegen mit ihm.

Sarah Grunert schlüpft in Blaubarts sechs Opfer, die im Zehn-Minuten-Takt verscheiden. Man erlebt Facetten der Weiblichkeit, aber diese Frauen bestimmen stets, wo’s langgeht. Julia, flirrender Backfisch voller unmäßiger Liebe. Anna, die wortmächtige „Sprachlose“, die mit ihm Lieblingswörter austauscht, „Anakonda“ ihrs, „Schnürsenkel“ seins. Wer wundert sich, dass Heinrich ihrem flinken Geist, ihrem Redefluss nicht gewachsen ist? Dass er sie zum Schweigen würgt, erscheint wie Notwehr. Und Tanja, die Professionelle, die eigentlich nur kassieren will, ihm dann aber doch Gefühle entlocken will, was tödlich endet. Oder Eva, sein Spiegelbild, die schon sieben Männer überlebte und nun von Blaubart erschossen werden möchte. Er tut ihr den Gefallen, wenn auch erst im dritten Anlauf. Bei diesem Blaubart ist die Frau immer die treibende Kraft. Und kaum hat er eine umgebracht, kehrt sie in neuer Gestalt zurück.

Sabine Osthoff ist die rätselhafte „Blinde“, die immer wieder Heinrichs Weg kreuzt, bei der er beichtet und die ihn so gar nicht fürchtet. Eine unbeschwerte Frohnatur auf der Suche nach Entjungferung. Am Ende vollendet sie sein Schicksal.

In Lydia Merkels Bühnenbild mit den löcherigen Schuhkarton-Wänden, die auf- und zuklappend Szenenwechsel markieren, läuft das 75 Minuten kurz und kurzweilig ab. Die junge Regisseurin deutet in ihrem Debüt die Figuren nicht aus, sondern reißt Möglichkeiten an. Wenn Grunert und Massafra die Zweier-Situationen in immer neuen Reinkarnationen ausdeuten, gibt es klare Stimmungswechsel, die das Zuschauerinteresse halten. Es bleibt immer etwas Unschärfe, was den typisierten Figuren gut tut. Viel Beifall für die gelungene Umsetzung.

20.12., 19., 28.1., 6., 22.2.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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