Seelenpein in Pappkulisse: Kay Voges inszeniert „Das Fest“

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Die Last der Familiengeschichte drückt: Szene aus „Das Fest“ in Dortmund mit Sebastian Kuschmann (vorn), Christoph Jöde, Andreas Beck und Caroline Hanke (von links, auf der Leinwand). ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Die Kamera umkreist eine Festtafel aus Pappe. Die Kellnerin füllt Tomatensuppe auf aufgemalte Teller, indem sie die rot anpinselt. Dann rückt die Küche ins Bild, noch so eine Kulissenbastelei aus Kartons, und der Koch rupft an einer Stoffgans. Das Auge findet auf der Leinwand keinen Halt. Das liegt am Geschehen. Die Akteure taumeln rastlos durch die Szenerie. Außerdem erlaubt die halbtransparente Gaze den Durchblick darauf, wie dieser Film gerade entsteht.

So inszeniert am Theater Dortmund Schauspielchef Kay Voges „Das Fest“ nach dem dänischen Film von 1998. Darin wird der 60. Geburtstag des Hoteliers Helge Klingenfeldt-Hansen geschildert, der überschattet ist, weil Tochter Linda vor kurzer Zeit Selbstmord verübt hat. Die alkoholgetränkte Feier wird vom ältesten Sohn Christian torpediert, der in seiner Ansprache dem Vater vorwirft, er habe ihn und Linda missbraucht.

Der Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov setzte erstmals das „Dogma 95“ um, mit dem skandinavische Regisseure das Kino erneuern wollten. Sie strebten einen neuen Naturalismus an, ohne Effekte und Illusionstechniken. Schaut man auf das Kino seitdem, blieb die Bewegung folgenlos. „Das Fest“ wurde ein internationaler Erfolg und 2000 für das Theater adaptiert. Die Uraufführungen waren parallel in Dresden und: Dortmund. Und die Inszenierung hier von Burkhard C. Kosminski war stark. Das aber wird an diesem Abend nicht erwähnt.

Dabei reflektiert Voges doch die Geschichte der Geschichte und setzt dem Dogma 95 das „Dogma 20 _13“ entgegen, in dem er alle Regeln ins Gegenteil verkehrt. Statt der Handkamera filmt eine automatische Kamera, die an einer Schiene aufgehängt ist, das Geschehen. Und Naturalismus ist verboten. Vinterberg filmte, als ob er Schauspiel inszenierte. Voges lässt das Kino vor den Augen der Zuschauer entstehen. Und das Theater triumphiert dabei, weil es sich auf die elementare Gewalt des Spielens, des Tun-als-ob besinnt.

Voges folgt dem Film im Ablauf fast sklavisch genau. Aber er erlaubt sich Abschweifungen bis zur Parodie. In Dortmund ist alles aus Pappe nachgebaut: Braune Graswogen, die Schauspieler hin- und herbewegen. Das Auto als Pappkulisse, das die „Fahrenden“ rütteln. Möbel, eine Hausfassade, sogar das Waschbecken im Badezimmer ist aus Karton, mit blauen Streifen als „Wasser“ (Ausstattung: Pia Maria Mackert). Julia Schubert spielt u.a. das Kind Dorthe mit Pappbrille, abstehenden Zöpfen, auf Knien rutschend. Voges dreht auf, nicht nur in der subversiven Künstlichkeit der Kulisse, sondern auch mit dem penetranten Einsatz von Andrea Bergs Schlager „Ich liebe das Leben“, mit grellen Momenten wie der Personalunion von Opa und Oma, die beide Uwe Schmieder spielt, und dem Rollenwechsel von Sebastian Graf, der vor der Kamera braune oder helle Schminke aufträgt, um mal Bent, mal Helenes farbiger Freund Gbatokai zu sein.

Die Unwucht in dieser großbürgerlichen Familie bietet viele Anlässe für Gelächter. Doch verharmlost wird nichts. Die Wechsel von albernen Peinlichkeiten auf Momente von Aggression oder Schmerz treffen den Betrachter heftig.

Was auch am durchweg tollen Ensemble liegt. Andreas Beck lässt den Täter Helge schillern zwischen gönnerhafter Väterlichkeit und Imponiergesten, bei denen er seine Söhne am Nacken packt, in den Schwitzkasten zwingt. Wie leer sieht auf der Leinwand sein aufgeblähtes Gesicht aus, wenn Sebastian Kuschmann vor der Leinwand als Christian seine Anklage spricht. Und wie leidet man am Ende doch mit ihm, wenn er entblößt, blutig am Boden liegt und sein Sohn immer und immer wieder in diesen fülligen Bauch tritt. In Dortmund zählen die Darsteller doch mehr als die raffinierte Technik.

Grandios spielt Kuschmann den versehrten Sohn, der sich den Mut zur Wahrheit erkämpfen muss. Mit Wucht verkörpert Björn Gabriel den wütenden jüngeren Sohn. Und wie fein deutet Bettina Lieder die Phasen von Verdrängung und Leugnen und Erkennen der Tochter Helene aus.

Diese 130 Minuten ohne Pause sind in Entwurf und Umsetzung gleichermaßen geglückt, eine Ausnahmeleistung. Großer Beifall.

28.2., 8., 23.3., Tel. 0231/ 50 27 222, http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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