Sebastian Nübling inszeniert „Ubu“ in Essen

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Viel Farbe im Spiel: Szene aus „Ubu“ in Essen mit Dimitrij Schaad, Roland Riebeling, Nicola Mastroberardino, Roeland Fernhout und Leon Voorberg (von links).

Von Ralf Stiftel ▪ ESSEN–Die Farbe fließt in Strömen auf der Bühne des Grillo-Theaters Essen. Immer wieder greifen Schauspieler nach neuen Tuben und spritzen sie als Blutersatz über die Körper der Gemeuchelten, an die Wände, auf die Text-Bilder, die eigentlich im Bühnenraum von Muriel Gerstner entstehen. Sie zerstören, beschmieren, töten mit kindlicher Unschuld, die Akteure in „Ubu“, inszeniert von Sebastian Nübling als Koproduktion mit der Toneelgroep Amsterdam.

Die Groteske „König Ubu“ des französischen Dramatikers Alfred Jarry war bei der Uraufführung 1896 ein Skandal – und prägte die Theatergeschichte, nahm viel von Dada und Surrealismus vorweg. Es ist die Geschichte eines Gierigen, der den König ermordet, den Thron besetzt und sich anschließend durch das Volk meuchelt. In Essen folgt ein Völkerrechtsprozess am Internationalen Gerichtshof von Den Haag. Dieses Nachspiel verfasste der britische Dramatiker Simon Stephens nach dem Muster wirklicher Verfahren gegenreale Diktatoren wie Karadzic und Charles Taylor. Was zunächst willkürlich wirkt, entpuppt sich als feine Zuspitzung.

Gleich die erste Szene zeigt, worum es Stephens und Nübling geht: Die Akteure stehen im Atelier und malen Textbilder. Fragmente aus Gesetzen und internationalen Verträgen werden zu Dekorationsstücken. Das Recht als Kunststück. Nur Ubu spielt nicht mit, eröffnet die Farbschlacht mit einem fetten Klecks auf ein Buch. Die Akteure sprechen deutsch, niederländisch, englisch, manchmal mit Übertitelung, und diese Verwirrung trifft die Situation des internationalen Rechtsverkehrs. Einen Sinn wird man in Ubus Gewaltexzessen nicht erkennen. Das Infantile, das Bauchgetriebene seiner Gier zeigt sich in seinem Slogan, den er in einer Kunstsprache verkündet: „Ik mak mik riktik dik.“

Die Absurdität provozierte einst in Jarrys Stück. In der Essener Fassung sorgt sie für die Fallhöhe, wenn sie auf die strenge Ordnung des Prozesses stößt. Ubus Verteidiger nutzt alle Möglichkeiten, die Zeugen ins Unrecht zu setzen. Was zu so grotesken wie zynischen Pointen führt. Der Anwalt lässt sich beschreiben, wie man ein vierjähriges Kind tötet, er wirft einem Zeugen vor, aus Angst Frau und Kind den Mordtruppen überlassen zu haben. Narben eines Überlebenden werden mit Gummiband um den Kopf dargestellt. Man versteht in dieser Inszenierung, wie internationale Prozesse dadurch ihr Thema verfehlen, dass sie die Untaten von Diktatoren der Logik des abendländischen Rechtskodex einzupassen versuchen.

Das deutsch-holländisch gemischte Ensemble meistert das schwierige Spiel zwischen Körper-Clownerie und Text-Verdrehung hinreißend. Der große, schlanke Nicola Mastroberardino nimmt Ubus Gier die letzte physische Entschuldigung. Der Mann wird nie und nimmer „riktik dik“, schon weil er sich so abstrampelt. Am Ende sitzt er allein auf der Bühne, entmachtet, die Hose auf den Fußknöcheln, und doch flüstert er sein Mantra noch als Verführung für mögliche Komplizen: „Ik mak dik dik.“

Wunderbar auch Frieda Pittoors als Ma Ubu, eine trampelige Matrone, die wie ein dickes Mädchen tanzt und dann wieder als hämische Hexe Intrigen schmiedet. Und Leon Voorberg als Dogpile, ein Mechaniker der Gewalt im roten Overall. Mag sein, dass Jarrys Text an poetischer Mehrdeutigkeit verliert, wenn man ihn mit historischen Daten und realen Formulierungen konkretisiert. Das Bühnengeschehen gewinnt an Verbindlichkeit, trifft die heutige Situation. Viel Applaus für eine rundum überzeugende Leistung.

22., 23.4., 10., 23.5., 12., 13., 20.6., ab Mai auch in Amsterdam. Tel. 0201/81 22 200,

http://www.schauspiel-essen.de

Quelle: wa.de

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