Sebastian Hartmann inszeniert O’Caseys „Purpurstaub“ bei den Ruhrfestspielen

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Die Aufforderung zum Tanz: Szene aus Sebastian Hartmanns Inszenierung von „Purpurstaub“.

Von Ralf Stiftel RECKLINGHAUSEN  - „Do geht eina“, ruft die Blonde mit dem Ziegenbart den Flüchtenden nach. „Schade, schade, du verpasst das Beste.“ Da sind gut anderthalb von vier Stunden verstrichen, die Sebastian Hartmanns Inszenierung von Sean O’Caseys Komödie „Purpurstaub“ dauern soll. Viel Text des irischen Dramatikers ist da noch nicht erklungen.

Der 1968 in Leipzig geborene Regisseur Hartmann hat 2012 bei den Ruhrfestspielen Tolstois Roman „Krieg und Frieden“ auf die Bühne gebracht. Er unterläuft Publikumserwartungen mit seinen Arbeiten – auch bei O’Casey. Wer „Purpurstaub“ nicht kennt, wird das Stück auch nicht kennen lernen. Hartmann zerlegt Texte in Spielanlässe, von denen aus die Darsteller improvisieren, Anspielungen einbringen, mit dem Publikum agieren. Das kann furchtbar auf die Nerven gehen. Im Recklinghäuser Festpielhaus läuft die Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart ohne Pause, aber das Verlassen und Wiederbetreten ist erwünscht. Eine Lösung, um den Zuschauerschwund gesichtswahrend zu kaschieren. Am Ende sind gut zwei Drittel der Plätze leer. Aber, auch das muss gesagt sein, wer bleibt, amüsiert sich wie Bolle.

„Purpurstaub“ ist die Geschichte zweier reicher Engländer, die sich mitten im Zweiten Weltkrieg ein verfallendes Tudorschloss in Irland kaufen. Es soll renoviert werden. Aber die irischen Arbeiter nehmen Stokes und Poges aus und machen ihnen die Verlobten abspenstig. Am Ende kommen die Gentlemen in einer Flut um. Vieles davon passiert auf der Bühne. Jedoch so, dass man es kaum wiederfindet.

In Recklinghausen steht auf der verdunkelten Bühne zuerst Steve Binetti mit seiner E-Gitarre und einem Hut mit LED-Lichtern. Seine Rockimprovisationen gehen in barocke Festmusik, dann wird irisch gefiedelt. Dazu kommen die sechs formidablen Schauspieler und tanzen, juchzen, lächeln ins Publikum. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Eine halbe Stunde lang. Schon für ihre Ausdauer bewundert man sie. Noch gut zehn Minuten später ist es soweit. Das erste Wort erklingt.

Immer wieder passiert Unerwartbares. Da fallen Schüsse. Da lodern Flammen empor, wird eine Nebelmaschine über die Bühne gezogen. Ein lebendiger Hahn wird auf die Bühne gebracht und als Kuh bewundert, an der sie freilich den Euter vermissen. Der Musiker wird rüde aufgefordert, etwas Fröhlicheres anzustimmen. Auf dem Vorhang steht „Purpur“, auf der Hinterbühne senkt sich das Wort „Dust“ als große Leuchtschrift von oben herab. Kästen werden umhergeschoben. Einer dient als Geisterwand, die nacheinander alle Schauspieler verschlingt. Um sie dann mit Affenmasken wieder zu entlassen, als würde „Planet der Affen“ eingeblendet. Manches davon ist platt wie der „Zaubertrick“, den Peter René Lüdicke mit einem gekochten Ei vorführt.

Sie wissen ja, was sie tun, und sprechen immer wieder Sätze, die ihr Tun thematisieren: „Wir arbeiten an all diesen Schwachstellen“, sagt einer, „aber es könnte sein, dass dieses Haus immer angreifbar bleibt.“ Das Tudor-Schloss ist damit ebenso gemeint wie das Theater. Anderes lässt einen O’Casey vergessen als Schwindel erregende Demonstration purer Schauspielkunst. Nach zwei Stunden sagt Holger Stockhaus nüchtern an: „Dritter Akt.“ Es folgt ein viertelstündiges Extempore nur mit den beiden Worten „Dritter Akt“. Mal rüttelt der Schauspieler an seinen Zähnen, mal zeigt er ein Stück Wand, mal sagt er’s zum Souffleur. Er wird schneller, verheddert sich kunstvoll in einem Silbengewirr von „Diggedingding“ bis zu „Tricktrack“.

Hochwürden Chreechewel kommt als jovial kölscher Pfarrer daher, der einen Kanon einstudiert. Die Akteure sächseln, schwäbeln, berlinern. O’Casey selbst wird in einem Schwarz-Weiß-Film eingeblendet. Dann schieben sie wieder Kästen. Schade, dass viele Zuschauer das Beste verpassen, und sie verpassen großartige Momente. Aber man erkauft sie mit viel vergeudeter Lebenszeit.

19., 20.5., Tel. 02361/92180, www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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