Schorsch Kameruns Stück „Alle im Wunderland“

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Buntes Treiben mit Tänzerinnen: Szene aus „Alle im Wunderland“ in Oberhausen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ OBERHAUSEN–Die große Wunschmaschine setzt Schorsch Kamerun am Theater Oberhausen in Gang. Der Sänger der Punkband „Die Goldenen Zitronen“, Autor und Regisseur entwickelt schon zum zweiten Mal für die Bühne ein Projekt, diesmal ein „Theatrales Bürger-Konzert“ nach Motiven von Lewis Carroll.

„Alle im Wunderland“ versucht den ganz großen Sprung. Alles wird mit allem zusammengebracht. Dass die Busse nicht mehr bis nach Osterfeld fahren, dass das Zentrum von Oberhausen aufgelöst wurde und nun da eingekauft wird, wo einst die Arbeit war. Stuttgart 21 kommt vor, der Berliner Flughafen und die „Elbphili“ in Hamburg. Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ aus dem Jahr 1963 wird noch einmal reaktiviert, die alte Geschichte vom Touristen, der dem faulenzenden Fischer die Arbeitsmoral des Kapitalismus beibringen will, bis der abwinkt, weil er ja jetzt schon faulenzen kann. Und zu „Alice im Wunderland“ fällt Kamerun ein, dass Lewis Carroll sich in Alice einen Avatar habe schaffen wollen, eine Fluchtfigur, was angesichts der Entstehungsgeschichte des Werks unwahrscheinlich ist. Carroll erzählte es zunächst drei Mädchen, darunter Alice Liddell, zu der er eine Beziehung unterhielt, die man als schwärmerisch umschreiben kann, heute aber verdächtig wäre.

Allerdings spielt Carrolls Klassiker an diesem Abend kaum eine Rolle, allenfalls in einigen assoziativen Momenten wie einer Gerichtsszene. Stattdessen wird der ziemlich wirre Text von vier Darstellern aufgesagt, unterbrochen von einigen Liedern, die auch nicht zu verstehen sind. Was meint Kamerun mit Zeilen wie „Steine können aus Schokolade sein“? Viele Laiendarsteller sind auf der Bühne, backen Waffeln, tragen Topfpflanzen herein, murmeln um einen Campingtisch herum, stricken. Drei Frauen in seltsamen Kostümen schwingen Stoffflügel in einer Art Ausdruckstanz. Das erinnert an Kreativangebote von VHS oder Kirchengemeinden, nur dass es dort wohl professioneller umgesetzt wird. Hier sind sie Statisten, Ausstattung wie die Podeste, die Möbel, die Plexiglasröhre.

Was für ein Potenzial in dieser Produktion verschenkt wird, das merkt man am Ende dieser sehr langen 90 pausenlosen Minuten, wenn mit Hilfe von Videoprojektionen Wünsche erfüllt werden. Auf einmal gibt es was zu lachen, wenn eine Darstellerin den Hasen neben James Stewart im Klassiker „Mein Freund Harvey“ mimt, eine andere schwerelos in einer Raumstation schwebt. Oder wenn ein Chemiker sich in seinen alten Beruf zurückwünscht und das falsche Timing zu kleinen Improvisationen nutzt: „Ja worauf warten Sie denn noch, Frau Emmelmann?“

22.2., 1., 2., 17.3.,

Tel. 0208/ 8578 184,

http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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