„Schönheit und Geheimnis“: Kunsthalle Bielefeld zeigt den deutschen Symbolismus

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Die Erotik wird in grotesker Gestalt kaum verfremdet: Leo Putz malte „Das kitzlige Schnecklein“ 1904.

Von Ralf Stiftel -  BIELEFELD–Noch immer lockend öffnet Salome die Augen des Johannes, präsentiert ihm ihr geschminktes Gesicht, ihre entblößten Brüste. Der Täufer kann die Reize nicht mehr würdigen. Nur sein abgeschlagenes Haupt ruht auf dem Teller vor der Tänzerin.

Lovis Corinth schockte 1900 das Münchner Pulikum, als er seine „Salome II“ präsentierte, so krude hatte er das Werk mit Sex und Gewalt aufgeladen, mit dem Kontrast zwischen der verführerischen Schönen und dem muskulösen Henker, der noch das blutige Schwert hält, und dem geschundenen Körper des Opfers, der im Vordergrund beiseite geschafft wird.

Das Gemälde erzählt mehr als nur eine Schauergeschichte. Es handelt von der selbstbewussten, starken Frau und dem Mann, der ihr zum Opfer fällt. Es zeigt, was sich damals nicht aussprechen ließ. Damit passt es wunderbar in die Ausstellung „Schönheit und Geheimnis – Der deutsche Symbolismus“ in der Kunsthalle Bielefeld. Mit rund 150 Werken von Arnold Böcklin, Hans von Marées, Franz von Stuck und vielen anderen dokumentiert die Schau einen lange übersehenen Hauptstrang in der Kunst des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

Die Kunstgeschichte, erläutert Kuratorin Jutta Hülsewig-Johnen, hat bislang vor allem die formale Entwicklung betrachtet. Damit rückte der zeitgleiche Impressionismus in den Fokus. Hier änderte sich die Technik. Die Künstler versuchten, mit malerischen Mitteln die Wahrnehmung zu steuern, mit Farbmischungen bis hin zum Pointillismus zum Beispiel. Die Künstler des Symbolismus malten weiter akademisch korrekt. Sie änderten die Inhalte ihrer Bilder, weg vom Kanon zwischen Stillleben und Historienbild. Im Anschluss an die Romantik erkundeten sie die Innenwelt des Menschen, das Unbewusste, die Träume. Nicht zufällig erschienen zeitgleich die ersten wichtigen Publikationen von Sigmund Freud und anderen Psychoanalytikern. Und weil die Kunsthalle 2009 schon den deutschen Impressionismus zeigte, ist es nur folgerichtig, den Gegenpol auch zu präsentieren.

Der Symbolismus war kein einheitlicher Kunststil, sagt Kunsthallen-Direktor Friedrich Meschede. Er war auch keine institutionalisierte Bewegung wie etwa die expressionistische Künstlergemeinschaft „Brücke“. Daher ist sein Nachleben schwerer zu fassen. Meschede sieht prägende Einflüsse in der Moderne, zum Beispiel in den metaphysisch aufgeladenen Installationen eines Joseph Beuys.

Die Ausstellung konzentriert sich aber auf die Bilder der Symbolisten, die in Themenräumen präsentiert werden. Die Künstler erschließen sich neue Blicke auf die Natur. Arnold Böcklin setzt die Figuren der antiken Mythologie ins Bild. Die Sirenen, die auf dem Gemälde von 1875 die Seefahrer locken, sind nur über der Gürtellinie Frauen, sie laufen auf bekrallten Vogelfüßen, und in ihrem Nest liegen die Schädel früherer Opfer. Auf einem anderen Bild pfeift ein Faun einer Amsel zu (1864/65). Solche Fantasien weisen schon auf den Surrealismus voraus. Leo Putz zeigte in erotischen Grotesken eine unverhohlene Sinnlichkeit. Sein „kitzliges Schnecklein“ (1904) ähnelt in Haltung wie Farbigkeit frappierend manchen Werken der Pop-Art. Die ungezwungenen Badeszenen von Ludwig von Hofmann wiederum wie die „Drei Mädchen am Strand“ (1890–92) weisen den Weg zu den Freiluftakten der „Brücke“.

Nacktheit, Lust, Verführung findet man in vielen Bildern, sei es in Franz von Stucks „Sünde“ (1899), die sich mit einer Schlange auf dem Lotterlager wälzt, sei es in Max Klingers spätem „Akt am Meeresufer“ (1916), der auch als Playmate des Monats durchginge. Die Symbolisten kennen aber auch andere Farben. Den „Femmes fatales“ stehen die „Femmes fragiles“ gegenüber, die zerbrechlichen Frauen, aber auch die Mütter, wie sie idealtypisch Dora Hitz mit dem „Sonnenkind“ darstellt, eine junge Frau im Wald mit einem Säugling auf dem Arm, gehüllt in eine Aura aus Licht. Und Oskar Zwintschler zeigt seine Braut Adele (1897) ungeachtet aller kitschträchtigen Blüten und Schmetterlinge in einem berührenden Zeugnis der Liebe.

Auch für Alpträume fanden sie Bilder. Eugen Bracht schuf mit dem finsteren Panorama „Das Gestade der Vergessenheit“ (1889) eins der Lieblingsbilder Kaiser Wilhelms II., ein zum Teil schneebedecktes Ufer vor schroffen Klippen, und im Sand bleichen Schädel. Der Symbolismus ist durchaus anfällig für Kitsch. Klingers feiner Grafikzyklus „Ein Handschuh“ (1881) ist durch subtile Verfremdung frei davon. Aber Karl Wilhelm Diefenbachs Gemälde „Du sollst nicht töten“ (1902) mit seiner Konfrontation von Gottvater mit Steinzeitjäger? Oder beim „Triumph der Finsternis“ (1896) von Sascha Schneider, der später Titelbilder für die Romane Karl Mays schuf, mit den bis in die Adern definierte Muskulatur des toten Christus und des finster auf ihn blickenden Luzifer, der alle Behaarung in seinen Bart investierte? Da liegen die Schmerzgrenzen wohl bei jedem Betrachter anders. Gerade durch diese Bandbreite aber erlaubt die Schau, die Besonderheiten des Symbolismus sinnlich zu erfahren.

Schönheit und Geheimnis – der deutsche Symbolismus in der Kunsthalle Bielefeld. Eröffnung so, 11.30 Uhr, bis 7.7., di – so 11 – 18, do bis 21, sa 10 - 18 Uhr,

Tel. 0521/ 329 99 500, www.kunsthalle-bielefeld.de

Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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