Schillers „Kabale und Liebe“ wird in Bochum zur moralischen Anstalt

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Stürmische Gefühle tauschen Ferdinand (Nils Kreutinger) und Luise (Friederike Becht) in der Bochumer Inszenierung von Friedrich Schillers Jugenddrama „Kabale und Liebe“.

Von Achim Lettmann -  BOCHUM Fechtunterricht als Prolog: Klaus Figge, Deutschlands erster Theaterfechtmeister und an allen großen Bühnen zuhause, übt mit dem Degen und einem Schüler, der im weißen Kampfanzug steckt. Es geht um Angriff und Parade, Kraft und Disziplin. Das ist Theaterarbeit für einen Klassiker. Am Schauspielhaus Bochum wird das Premierenpublikum schrittweise auf Schillers Jugenddrama „Kabale und Liebe“ eingestimmt.

Es ist Ferdinand, der sich mit der Waffe ertüchtigt; es ist Luise, die ihm zuschaut und sich sehnt, dass er alsbald bei ihr ist. Ein bisschen Alltag auf den Brettern der Kammerspiele, ein wenig Zeit für die unbeschwerte Liebe junger Leute, die sich die Musik vom Smartphone teilen und sich noch seelig umarmen.

Intendant und Regisseur Anselm Weber gibt dem prozesshaften Beginn noch einen weiteren Einschub, denn Nils Kreutinger (Ferdinand) hatte sich ein Sehnenband im Knie gerissen, als er für die Premiere probte. Nun stabilisiert eine Manschette das Gelenk, sagte Weber, und bittet um Verständnis. Genau dafür steht auch Daniel Stock, später Kammerdiener des Fürsten, der Friedrich Schiller zitiert („Die Schaubühne als moralische Anstalt“) und die Bochumer Inszenierung gewissenhaft einführt. Er macht den Theaterraum bewusst, in dem er den Grundriss des Millerschen Häuschens aufsprüht, und er stimmt auf das Spiel ein, weil er mit Schillers Worten verdeutlicht, dass der Mensch im Theater erkennt, „ein Mensch zu sein“.

Selten ist eine Inszenierung mit soviel Empathie für den Dramatiker und seine Figuren gestartet. Das könnte man didaktisch nennen, verfehlt seine Wirkung in Bochum aber nicht. Es geht hier um was! Miller steht im Hausgeviert und hat Angst vor der Beziehung seiner Luise zum Major, den er zum Adelsstand rechnet – eine andere Welt. Bernd Rademacher gibt den braven Musiker als sorgenvollen Patron einer Bürgerexistenz, die im Fürstentum nur geduldet wird. Seine Frau (Anke Zillich) hofft auf Zugewinn, wenn sich die junge Zweisamkeit festigen lässt. Das sie sich dafür einen leichten Fußtritt vom Mann einfängt, demonstriert auch, wie sehr „Kabale und Liebe“ ein Stück Volkstheater in seiner Rezeptionsgeschichte geworden ist („wo der Zimmermann das Loch gelassen hat“). Den Sekretär des Präsidenten beleidigt er wegen seiner linkischen Absicht, die Tochter des Hauses mithilfe des Vaters zu ehelichen: „Kein Kerl!“ Florian Lange spielt den Sekretär Wurm mit der skrupulösen Attitüde eines erfolgreichen Intriganten, dem bisher noch alles zugefallen ist, was er erlangen wollte. Lange züngelt wie eine Schlange.

Regisseur Weber umreißt die Figuren mit ihren Absichten. Den Präsidenten von Walter verkörpert Felix Vörtler als straffen und scharfen Karrieristen, der den Sohn in eine Ehe mit Lady Milford bugsieren will. So gefällt man dem Fürsten. Nils Kreutinger als Ferdinand tritt ihm mutig entgegen, doch sinkt er zusammen, als ihm klar wird, wie rücksichtslos der Vater bereits die Ehe öffentlich gemacht hat. Sein Selbstbild zersetzt sich. Das bürgerliche Trauerspiel beginnt früh.

Roland Riebeling lässt den Hofmarshall von Kalk als Modegockel in rotem Samt und Puderblond eitel schwadronnieren oder erzittern. Er ist der bunte Narr im dominierenden Grauschwarz des Kammerspielhauses. Hier istSchillers Alltagswelt zu sehen, die Hermann Feuchter (Bühne) minimalistisch andeutet: Im skizzierten Bürgerhaus ein Stuhl, eine Vase; beim Präsidenten ein Kronleuchter, ein Polsterstuhl. Aber alles offen und weit, denn die Standesschranken sind in den Köpfen der Menschen. Sie behaupten sich und grenzen sich von einander ab. So gesehen hat die akribische Inszenierung einen Hinweis für unsere Zeit, wo Optimierung und Ausgrenzung zugenommen haben, soziale Kälte fördern und Solidarität erschweren.

Kernthema ist aber die unmögliche Liebe. Friederike Becht spielt die Luise zartbebend und gedankenvoll, wenn Ferdinand Gefühlsbekenntisse fordert. Sie trägt das Grau ihres Standes, wie sie dem Vater folgt und dem Fürsten Gehorsam schuldig ist. Es ist ihr ein schweres Gottesgebot, aber sie streichelt die Bibel. Erst die Gewissheit ihres Todes löst sie aus der Klemme, und Friederike Becht ist dann hingebungsvoll, sinnlich. Nils Kreutinger zeigt das Körperliche an Ferdinands Rolle. Wie ihn Lady Milford anspringt und ihr Begehren als Liebes- und Ehegrund bietet, hält er kraftvoll aus. Kristina Peters charakterisiert die „Hure“ des Fürsten, als isolierte Person, als Mensch, dem eben das fehlt, was Ferdinand bei Luise gefunden hat, und jeder braucht: Liebe und nicht höfische Kabale. Ihr Dialog mit dem Kammerdiener – Daniel Stock expressiv – demonstriert, dass Schiller sein Drama geschrieben hat, weil er dem Unrechtssystem der Fürstenei begegnen wollte: „Landeskinder“ wurden in den Kriegsdienst verkauft. Ein ergreifendes Statement.

In Bochum klingt Schillers Pathos ernst, manchmal wirkt das schwer; aber das Plädoyer für moralische Standards, die heute selbstverständlich sein sollen, will die Inszenierung erneuern. Und jeden danach fragen.

Das Stück

Selten ist Schiller so klar und eindeutig inszeniert worden. Es gelingt eine Reminiszenz an die moralische Anstalt.

Kabale und Liebe am Schauspielhaus Bochum.

27. 11., 2., 5., 15., 26. 12., 3., 12., 13., 18. 1.; Tel. 0234/3333 5555; www.schauspielhaus-bochum.de

Quelle: wa.de

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