Schillers „Kabale“ im Borchert-Theater Münster

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Luise (Alice Zikeli) und Ferdinand (Luan Gummich) in der Schiller-Inszenierung „Kabale und Liebe“ am Wolfgang-Borchert-Theater in Münster.

MÜNSTER - Sie schieben sich vor den roten Vorhang im Wolfgang-Borchert-Theater und greifen in die Luft, um Geige, Schlagzeug oder Gitarren zu imitieren. Es ist eine kesse Spielerei, bei der sich alle Figuren schon mal zeigen, so als ob sich Rollendarsteller im Vorspann einer TV-Serie vorstellen. Hier wird allerdings ein Klassiker angestimmt, „Kabale und Liebe“ von Schiller.

Und ganz ernst, wird Schillers Stoffentwicklung nicht genommen. Denn das emanzipatorische Potenzial des bürgerlichen Trauerspiels überwindet Jürgen Lorenzen als Stadtmusikant Miller gleich mit Verve. Er profiliert die Figur, in dem er Bewusstsein und Selbstbehalt laut und mutig vor sich herträgt. Schneidig, fordernd und ängstlich (wegen der Tochter), ist er der Lautsprecher, der den blassen Sekretär des Fürsten so aussehen lässt, wie er heißt: Wurm. Wurm (Florian Bender) hat ein Auge auf Luise geworden, und er hofft auf Vaters Unterstützung. Nein!

Da ist Zunder drin. Regisseurin Tanja Weidner streicht Miller die Ehefrau und verzichtet bei Tochter Luise auf die innere Zwiesprache mit Gott, dem sie sich verpflichtet fühlt, wie ihrem Vater. In Münster wird das junge Mädchen mehr getrieben von Liebe und sozialem Bewusstsein. Folglich verkürzt diese Schiller-Inszenierung auf den Gegensatz der Generationen und das Unrecht der Bevormundung, statt ein Gesellschaftsbild aus Schillers Zeit spürbar zu machen.

Ganz abstrakt hat Stefan Bleidorn die Bühne mit Knickwänden umstellt, die den Grad an moralischer Zersetzung scharfkantig anmahnen, bis sie am Ende ganz umgestürzt sind und den Blick auf Scheinwerfer freigeben und gescheiterte Existenzen bloßstellen. Dagegen hat Bleidorn die Kostüme zeitgemäß eingekauft. Ferdinand bringt Luise ein grellbuntes T-Shirt mit. Sie trägt kurze Jeans, er hat ein hellgraues Hemd-Shirt an, und beide lassen die Hormone los, brüllen wie Affen, taumeln, fallen, rollen und umarmen sich. Sie könnten mit Romeo und Julia befreundet sein.

Wenn es ernst wird, vertrauen sich die Liebenden einem Videogerät an und ihr Konterfei ist auf einer Stellwand zu sehen. Ein visueller Kummerkasten also, oder soll das ins Netz?

Trefflich steht diese Digitalisierung dem Hofmarshal von Kalb, der sich seine Selfies auf dem Tablet-PC mit Präsident von Walter anschaut. Fast zu albern, um dem Drama zu genügen, dass Regisseurin Weidner schon bald zuspitzen wird. Heiko Grosche gibt den näselnden Hofmarshall mit Wonne, der sich als Liebhaber Luises ausgeben lässt, um ihr Versprechen zu Ferdinand zu diskreditieren.

In Münster erhält das Trauerspiel etwas Skrupelloses wie in einem Schurkenstück. Ferdinand, den Luan Gummich als Hitzkopf mit beschränkter Haftung anbietet, schießt den Hofmarshall über den Haufen, bevor er der eigenen Liebeseitelkeit mit Giftlimonade beikommt. Als ganz harter Hund tritt ihm sein Vater (Sven Heiß) entgegen, dem am Ende auch nur die Pistole bleibt, statt etwas Verständnis zu erheischen, wie in Schillers Vorlage. Lady Milford (Sabrina vor der Sielhorst) ist eine Nebenfigur, der nur eine schöne Gymnastikszene im Schnipselbad der Bühne zugestanden ist. Sie muss vor allem der unschuldigen Liebe Luises den Vorrang lassen und im eleganten Abendkleid alt aussehen. Alice Zikeli spielt Luise als sensibles und offenes Mädchen, das ein Opfer männlicher Besitzstandswahrung wird, mit Überzeugung. Am Ende wird’s zu pathetisch, selbst wenn Schillers Jugendstück das hergibt. Das Premierenpublikum jedenfalls war begeistert.

8., 9., 10. 9., 21. 22. 23. 10.;

Tel. 0251/40019

Quelle: wa.de

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