Schauspielhaus Bochum zeigt Max Frischs Roman „Stiller“

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Spurensuche: Staatsanwalt Rolf (Matthias Redlhammer, links) und Verteidiger Bohnenblust (Daniel Stock, rechts) wollen Mr. White (Michael Kamp) dazu bringen, seine Identität als Stiller zu gestehen. Szene aus der „Stiller“-Inszenierung in Bochum.

BOCHUM Eine neue Identität annehmen, den Alltag hinter sich lassen, etwas wagen, ja, das wär’s. Wer kennt nicht solche befreienden Gedanken? Und dabei bleibt es – in der Regel. Am Schauspielhaus Bochum wird einer entschlossen bekämpft, der eine Lebensalternative behauptet: „Ich bin nicht Stiller“, sagt James Larkin White, entschieden und erst noch gelassen. Er ist überzeugt, dass einem Amerikaner in der Schweiz kein Whiskey verweigert wird, selbst wenn er im Knast sitzt.

Die Bühnenfassung von Max Frischs Roman „Stiller“ hat Reto Finger als wechselvolle Ermittlungsstory angelegt. Warum will ein Grenzgänger nicht zugeben, dass er der Bildhauer aus Zürich ist, der vor sechs Jahren verschwand, wenn ihn Frau und Geliebte identifizieren? Es ist geschickt von Regisseur Eric de Vroedt dem Klassiker aus der Deutschstunde ein bisschen Tempo zu geben, ein bisschen Krimi-Atmosphäre zu schaffen. „Stiller“ fehlte bei aller Reflexion über das Selbstbild und die Zwänge der Bürgergesellschaft doch Action und Personenführung für eine Bühnenfassung. So wird James White in Bochum gleich umzingelt. Selbst sein Verteidiger (Daniel Stock) beobachtet ihn so aufgekratzt und penetrant wie das Gefängnispersonal selbst. Dieser Eifer soll die Angestellten karikieren.

Der grau verklinkerte Verhörraum ist in Bochum (Bühne: Maze de Boer) eine repräsentative Halle des Rechtsstaats. Einen Ausweg finden nur Whites Abenteuerillusionen. Dann flackern Videobilder (Lena Newton) zur gierigen „Mulatin“, die Sex wollte, obwohl sie bereits einen Lover hatte. Solche Männer-fantasien stabilisieren den Angeklagten White, der von seiner Welt erzählt, aber nicht glaubwürdiger wird („Ich bin ein Mörder“). Michael Kamp ist im cremefarbigen Leinenanzug ein von sich überzeugter Indiana Jones des Lebens.

Whites Biografie als Stiller wird ihm auf der Bühne vorgespielt. Regisseur de Vroedt lässt Stiller (Damir Avdic) in den Erinnerungsszenen auftreten, die White beobachtet und kommentiert. Kommt er sich näher, ist eine der Ermittlungsfragen, die das Stück interessant macht. Julika, Stillers Frau, streitet sich mit ihrem Mann, weil sie tanzen will und keine Kinder zum Leben braucht. Therese Dör spielt sie elegisch als Künstlerin, die wegen ihres Selbst geliebt werden will, nicht wegen seiner Familienziele. Der Konflikt ist mal betuelich, mal überspitzt und auch albern arrangiert. Hier spielen die 1950er Jahre mit, was ein paar schöne Bilder liefert, aber die Paardiskussion nicht modernisieren kann. Regisseur de Voerdt setzt bewusst Klischeebilder, wie den Künstler, der mit Zigarette emphatisch eine Büste bearbeitet, während Jazzstandards zu hören sind.

Das Verhältnis von Mann und Frau, das Max Frisch zeitlebens beschäftigte, ist der Schwerpunkt der Bochumer Inszenierung. Und das ewige Thema der Liebe wird dabei zunehmend von einer dialogischen Diskussion zur Institution Ehe verengt. Sybille, Stillers Geliebte, ringt dann mit ihrem Ehemann, dem Staatsanwalt, um ein paar Wochen Paris, obwohl er den gemeinsamen Umzug geplant hat. Bettina Engelhardt gibt eine Gesellschaftsdame, die eine Affäre mit Stiller will und Freiräume in der Großstadt sucht, ohne den sicheren Hafen aus den Augen zu verlieren. Den Staatsanwalt legt Matthias Redlhammer steift und standesbewusst an, selbst als Freund von White bleibt ihm später die verklemmte Attitüde.

Daneben spitzt die Inszenierung Whites innere Zerrissenheit zu. Eine seiner Stories aus New York mündet in einem Musikgetöse mit Bläserfrasen. Whites Gesicht wird zur Fratze, Michael Kamp zeigt ihn erschöpft, von Selbstzweifeln gequält. Auch ein Besuch im Atelier – hinter den Knastwänden erscheinen figürliche Skulpturen im warmen Licht – gibt ihm nicht die Kraft, den Erwartungen der Gesellschaft zu folgen. Der Chor der Anklagenden schmettert ihm das Urteil hin: „Antol Ludwig Stiller“. Dass er Julika in den Erinnerungsbildern umarmte, sie nach ihrer Liebe fragte, ist nun weit weg. Zum Ende hebt ein Epilog an, der von Erkenntnis spricht und für Respekt und Demut zwischen Mann und Frau plädiert. Aber da hat die Inszenierung längst ihre eigene Spannung abgelegt und offenbart unfreiwillig wie antiquiert Frisch heute anmuten kann.

Das Schauspiel

Druckvolle Bühnenfassung eines Romans, die die zeitbezogenen Erkenntnisse zu Liebe, Ehe und Selbstbild von Max Frisch für uns heute nicht aktualisieren kann.

Stiller von Max Frisch am Schauspielhaus Bochum.

10., 17., 29. April, 6., 14. Mai; Tel. 0234/3333 5555

www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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