Das Schauspielhaus Bochum widmet Herbert Grönemeyer das Singspiel „Bochum“

+
DieTresensänger aus „Bochum“ am Schauspielhaus Bochum: Michael Schütz, Veronika Nickl, Joachim G. Maaß, Anke Zillich und Günter Alt beleuchten die Ruhrpott-Seele mit Grönemeyer-Songs.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Das funktioniert hier immer. Drei Töne am Piano, erkennender Applaus. Anke Zillich fängt an: „Gehste inne Stadt, was macht dich da satt...“ Und der Saal antwortet unaufgefordert: „Ne Currywurst!“ Die jungen und die nicht mehr ganz jungen Besucher im Schauspielhaus Bochum kennen eben noch das alte Liedgut. Ganz besonders, wenn es vom berühmtesten Bochumer aller Zeiten stammt, von Herbert Grönemeyer. Da schwingen alle im Gleichklang, und dieser Heimatabend darf ganz einfach heißen: „Bochum“.

Es ist leicht, hier zu nörgeln. Das Theater zielt auf eine absolute Mehrheit mit dem Singspiel, gebaut aus Lokalpatriotismus, kleinbürgerlicher Midlife-Krise und Hits, Hits, Hits von Herbert. Das liegt so nah und meidet jedes Risiko. Es sichert die volle Bude. Ist diese Art von gegenseitiger Bestätigung dem Theater aufgegeben? Die Antwort kommt vor dem Lied, das nun wirklich ins kollektive Bewusstsein des Ruhrgebiets eingebrannt ist, vor „Bochum“. Da stimmen sie auf der Bühne das Steigerlied an. Und wieder singt der Saal mit, ohne dass da einer winken müsste: „Glück auf, Glück auf...“

Vor allem gelingt dieser Abend, weil Regisseurin Barbara Hauck und der musikalische Leiter Torsten Kindermann es sich so einfach dann doch nicht machen. Lutz Hübner, der meistgespielte deutsche Gegenwartsdramatiker, hat das Singspiel um zwei Dutzend Grönemeyer-Songs verfasst. Das Stück spielt in einer Bochumer Eckkneipe, die dicht gemacht wird wie der Handy-Hersteller, dessen Name nicht mehr genannt wird, und das Autowerk, dessen Name künftig auch nicht mehr genannt werden darf. Wirtin Lotte, vier Stammgäste und eine junge Frau, der gute Geist der Gaststätte, leeren die allerletzte Runde. 30 Schnäpse für 29 Jahre (plus Bonus-Pinn).

Da blicken sie nun zurück auf ihre Leben, die sie mit dem Abiturbesäufnis begannen. Die große Politik bleibt ausgeblendet, blitzt nur in den Namen auf, die nicht mehr gesagt werden dürfen. Hübner konzentriert sich auf die großen Bs: Beruf, Beziehungen, Bundesliga. Irgendwie tragen sie alle ihr Päckchen. Roger, der nach Berlin ging, um ein bekannter Künstler zu werden, der zurückkam und nun Aushilfslehrer ist. Ralf, Abteilungsleiter bei der Knappschaft, und Sandra, Sachbearbeiterin im Grünflächenamt, deren Ehe mit einer Auszeit durchgehalten hat, auch wenn der Urlaub jedes Jahr auf den Campingplatz in Holland führte. Selbst „Porsche-Peter“, der erfolgreiche Chirurg, hat sein Trauma: Die junge Patientin, die ihm wegstarb.

Und zu jeder Gelegenheit, zu kleinen Siegen und großen Niederlagen, findet man ein passendes Lied von Grönemeyer. Der hat von 1974 an einige legendäre Jahre am Schauspielhaus gearbeitet, erst als Musiker, dann als Darsteller. Diese Herkunft hat sich offenbar seinen Liedern eingeschrieben, sie taugen als Bühnenstoff. Torsten Kindermann lauscht ihnen mit viel Respekt neue Möglichkeiten ab. „Bochum“ verliert alles Hymnenhafte, Pompöse, und kommt zu den zerbrechlichen Klängen gestrichener Weingläser und geblasener Bierflaschen daher. „Mensch“ wird allein mit Percussion-Klängen unterlegt. Der Kneipenkracher „Alkohol“ hingegen wird dressiert zum frommen mehrstimmigen A-Capella-Choral. Die fünf Musiker kommen als Bergmannsblaskapelle aus der Tiefe der Bühne zu „So wie ich“, sie hotten als Rockabilly-Combo zu „Kadett“, sie klingen wie ein Chanson-Orchester mit Akkordeon und Geige bei „Bloß geliebt“. Und all die neuen Klangkleider passen den alten Liedern.

Günter Alt zelebriert „Flugzeuge im Bauch“ mit großer Geste als jazziges Chanson voller Emotionen. Anke Zillich ist Wirtin Lotte, Sarah Sophia Meyer geistert als Suri über den Tresen, Veronika Nickl gibt Sandra, Michael Schütz den Ralf. Joachim G. Maaß kommt als Gast vom Musiktheater im Revier und verleiht seinen Liedern bassbaritonale Power. Sie verkörpern Typen ohne psychologische Tiefenschärfe. Aber sie spielen mit Hingabe und singen überzeugend.

Aus unerfindlichen Gründen fand die Premiere ohne Herbert Grönemeyer statt. Der Stimmung tat das keinen Abbruch. Großer Jubel, drei Zugaben, als dritte noch einmal Bochum, diesmal mit Rockband. Alle sangen mit.

„Bochum“ am Schauspielhaus Bochum.

11., 17., 23., 31.10.,

9., 18.11., 31.12.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55,

www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare